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In meinem Vortrag geht es nicht darum, Ihnen darzulegen,
wie ein begnadeter Künstler wie beispielsweise Michelangelo
andere so inspirieren könnte, damit sie Werke schaffen,
die seinen vollkommen gleichen, oder wie ein Philosoph
von unvergleichlichem Wissen andere so beeinflussen
kann, daß sie sein Werk fortsetzen und vertiefen können;
,Übertragung' im Tibetischen Buddhismus kennzeichnet
den Prozeß, mittels dessen andere Wesen dazu befähigt
werden, theoretische und praktische Methoden erfolgreich
anzuwenden, die sie selbst - bald oder irgendwann [je
nachdem wieviel Mühen zu investieren sie bereit sind]
zu einem Buddha machen. Und Buddha - ich hoffe, darin
sind Sie mit mir einig - war bedeutend mehr als ein
großer Künstler oder ein Philosoph.
Um der Frage nachgehen zu können, wie die sog. Übertragung
im Tibetischen Buddhismus funktioniert, muß zunächst
einmal geklärt werden, welcher Stoff im Buddhismus seit
Jahrtausenden jeweils vom Übermittler [ein spiritueller
Lehrer, der in der Übertragungslinie steht] an diejenigen,
die seine Übermittlungen empfangen [seine Schüler] weitergegeben
wird. Und um dies zu beantworten, muß man sich der Frage
zuwenden, wer oder was der Begründer dieser Lehre eigentlich
ist.
1. Buddha und Buddhismus
Der
historische Buddha Shakyamuni wurde 563 v. Christus
in Lumbini geboren und realisierte im Alter von 35 Jahren
die vollkommene Erleuchtung. Zuvor hatte er zunächst
ein Jahr lang in Magadha nicht-buddhistische Praktiken
geübt und anschließend - als er merkte, daß jene ihn
niemals in den Stand versetzen würden, die Leiden der
zahllosen Wesen, insbesondere Krankheit, Alter und Tod,
ausräumen zu können - am Ufer des Flusses Nerayana sechs
Jahre lang unbeschreibliche Härten asketischer Praktiken
auf sich genommenen. Als er durch jene so schwach wurde,
daß er beinahe starb, gab er die asketischen Übungen
zugunsten eines Extreme vermeidenden Weges auf.
Daraufhin meditierte er sieben Tage unter dem Bodhibaum
in Bodhgaya; er hatte sich geschworen, sich nicht von
diesem Meditationssitz zu erheben, bevor er die vollkommene
Erleuchtung realisiert hätte. Als am Ende dieser Zeitspanne
der mächtigste der Dämonen [das sind Wesen, die ihre
Kraft daraus beziehen, daß sie anderen Wesen Schaden
bringen - das Gegenteil des buddhistischen Prinzips],
die die Erleuchtung des Buddha zu verhindern trachteten,
vor den Buddha trat und fragte, mit welchem Recht er
diesen Zustand nun realisieren wollte, antwortete der
Buddha, daß er im Verlauf dreier Weltzeitalter [entspricht
der dreifachen Lebensdauer eines Universums] in zahllosen
Existenzen in außerordentlichem Maße Großzügigkeit geübt
und dadurch so viel spirituelles Verdienst angesammelt
habe, um die Erleuchtung auszudrücken. Der Dämon fragte
den Buddha noch einmal, welchen Beweis er dafür erbringen
könnte, und der Buddha legte seine rechte Hand auf die
Erde [die Geste, mit der der historische Buddha auf
zahllosen bildlichen Darstellungen und als Statue abgebildet
ist], worauf die Erdgöttin hervortrat und die Worte
des Buddha bestätigte. Darauf erlangte der Buddha die
Erleuchtung am Morgen des siebenten Tages.
Vorher zerlumpt und von den asketischen Übungen ausgezehrt,
nahm er nun die größeren und geringeren Zeichen der
Erleuchtung an [äußerlich: Ushnisha, Dharmaräder in
den Handflächen und Fußlinien etc; innerlich: völlige
Reinigung und Funktionalität des feinstofflichen Systems
der Kanäle, Winde und Tropfen; geheim: Transformation
von Körper, Rede und Geist in die drei Kayas: Nirmanakaya,
Samboghakaya und Dharmakaya].
Die
Erleuchtung besteht
-
in der Verwirklichung nicht-dualistischer Einsicht
in die wahre Natur der äußeren wie der inneren Phänomene
[d.h. ein Buddha erlebt jede Millisekunde, daß Wahrnehmung,
Objekt der Wahrnehmung und Wahrnehmender bzw. Handlung,
Objekt der Handlung und Handelnder nicht unabhängig
voneinander existieren und insofern unwirklich sind;
da er die traumgleiche Illusionshaftigkeit der Erscheinungen
völlig realisiert und jede Idee von einer eigenständigen
Existenz als Individuum sowie sämtliche gedanklichen
und gefühlsmäßigen Prozesse, die zwangsläufig mit
der Identifikation als Individuum einhergehen, vollkommen
überwunden hat, kann er den Gang der Ereignisse
derart beeinflussen, daß alle Wesen, die ihm und
seinen Lehren gegenüber in irgendeiner Form Vertrauen
und Offenheit entwickeln, dadurch einen Nutzen erfahren;
dieser Nutzen wird mit der Zeit immer mehr aufgehen,
so wie sich ein winziger, kaum sichtbarer Same zu
einem Urwaldbaum entwickeln kann].
-
Mit der Erleuchtung gehen viele übernatürliche
Kräfte und Fähigkeiten einher [so geht von einem
Erleuchteten ein kräftiges Licht aus; sein Geist
ist an allen Stellen gleichzeitig; er strahlt unzählige
Emanationen aus - d.h. er ist gleichzeitig an zahllosen
Stellen im Universum; er ist allwissend und besitzt
zahllose andere übernatürliche Fähigkeiten].
-
Ein Buddha - tib: sangs.rgyas - hat in seinem Bewußtseinsstrom
alles gereinigt, was man überhaupt reinigen kann
[wenn man davon ausgeht, daß jede negative Tat eine
Spur im Bewußtsein hinterläßt, die üblicherweise
als negatives Ereignis, das einem selbst in der
Zukunft widerfährt, reif wird; werden diese negativen
- d.h. andere schädigenden und verletzenden - Handlungen
gereinigt, werden einem nicht nur in Zukunft keine
entsprechenden negativen Ereignisse mehr widerfahren,
sondern man wird dadurch auch die Tiefe seiner Weisheit
und prinzipiellen Erkenntnisfähigkeit außerordentlich
steigern], und alle Qualitäten verwirklicht, die
überhaupt zu verwirklichen sind.
-
"Ein Buddha verfügt über alle Erkenntnisse und
Einsichten, die man überhaupt haben kann, und hat
sein Mitgefühl in einem Maße ausgedehnt, daß er
den Nutzen sämtlicher fühlender Wesen überhaupt
in allen Bereichen der Existenz, an jedem Ort des
grenzenlosen Raums und in der Vergangenheit, in
der Gegenwart und in der Zukunft gleichzeitig erbringen
kann und tatsächlich erbringt. Insofern gibt es
keine höhere Verwirklichung als die der Erleuchtung
bzw. der Buddhaschaft.
Der
Buddha lebte neunundvierzig Jahre lang in Einfachheit
und Armut, obwohl viele Könige und zahlreiche wohlhabende
Menschen zu seinen Schülern zählten, die ihm alle nur
erdenklichen Reichtümer und Annehmlichkeiten zur Verfügung
gestellt hätten, hätte er nur danach verlangt. Außerdem
verbrachte er seine Tage sehr diszipliniert: Er stand
jeden Tag sehr früh auf, meditierte einige Stunden lang,
gab daraufhin denen, die danach verlangten, die unterschiedlichsten
Belehrungen und Praxisanweisungen; anschließend absolvierte
er seinen täglichen Bettelgang um Nahrung. Nach seiner
Mahlzeit gab er denjenigen Belehrungen, die ihm Speisen
geopfert hatten, und kehrte dann zu seinem jeweiligen
Aufenthaltsort zurück, um erneut für einige Stunden
im Samadhi der meditativen Versenkung zu ruhen; dann
gab noch einmal denen, die sich nachmittags bei ihm
eingefunden hatten, Belehrungen und spirituellen Rat.
2. Geschichte der Übertragungslinien
Der Buddha konnte also seine Lehre - durch den Norden
Indiens ziehend - nahezu 50 Jahre lang [er verließ seinen
Körper im Alter von 84 Jahren] verbreiten, was - verglichen
etwa mit den vier Jahren, die dem Religionsgründer Christus
zur Verfügung standen - insofern sehr lange ist, als
es selbst heute noch eine geradezu unüberschaubare Fülle
von Schriften und Praxisanweisungen gibt, die sich sämtlich
auf den historischen vierten Buddha dieses Weltzeitalters
Shakyamuni berufen [mehr als die Hälfte der ursprünglichen
Belehrungen sind jedoch schon verloren gegangen]. Sämtliche
buddhistischen Lehren dienen dazu, alle Wesen entsprechend
ihren Neigungen und Fähigkeiten so weit wie möglich
auf dem Weg zur Verwirklichung von ,Buddha - dem erleuchteten
Zustand' voranzubringen, denn Buddhismus besteht nicht
darin, die Person des Buddha zu verehren, anzubeten
o.ä. und irgendwelche von ihm erlassenen Gesetze und
Verbote zu befolgen, sondern den Zustand eines Buddha
so schnell wie möglich selbst zu realisieren. Dies ist
nur deshalb möglich, weil Buddhaschaft bzw. die Erleuchtung
nicht die Erwerbung neuer, fremder Fähigkeiten und Qualitäten,
sondern die Entschleierung der dem eigenen Geist bereits
innewohnenden erleuchteten bzw. absoluten Qualitäten
ist. Die negativen Bewußtseinszustände aus seinem eigenen
Bewußtseinskontinuum herauszureinigen und die Qualitäten,
die dem absoluten Zustand des eigenen Geistes innewohnen,
zu offenbaren, gelingt nur durch das Beschreiten des
buddhistischen Weges - d.h. durch die authentischen
Lehren des historischen Buddha.
Der
Buddha gab in den sog. ,drei Drehungen des Rades der
Lehre' unterschiedlichen Individuen unterschiedliche
Belehrungen: Die Shravakas lehrte er die ,vier Edlen
Wahrheiten': Leiden in der bedingten Welt sind unvermeidlich
[allesdurchdringendes Leiden, Leiden der Veränderung
und Leiden des Leidens], Ursprung, Pfad und die Beendigung
der bedingten, leidhaften Lebensumstände; und die Pratyekas
lehrte er das Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit
[dies sind die beiden großen Praxis-Traditionen innerhalb
des Hinayana] in Sarnath/Benares. , Wesen, die das Potential
besaßen, die Mahayana-Lehren zu erfassen und praktisch
anzuwenden, lehrte er auf dem Geierhügel in Rajghir
die Lehren der Prajñaparamita über die Transzendenz
der gewöhnlichen Bewußtheit zur ursprünglichen Weisheit
eines Buddha. f An unterschiedlichen Orten präsentierte
er denen, die genug Mut und eine stabile geistige/psychische
Verfassung besaßen, um mit den äußerst kraftvollen Methoden
tantrischer Meditationen [d.h. Mudra, Mantra und Visualisation]
zu arbeiten sowie bereit waren, einen Fleiß in deren
Übung zu investieren, der ihr ganzes Leben zur tantrischen
Übung transformierte, die verschiedenen Belehrungen
des geheimen Mantra- und Tantrayana [heute auch ,Vajrayana'
genannt].
Der Buddha selbst hatte eine nahezu unüberschaubare
Anzahl von Schülern. Seine Lehren verbreiteten sich
im damals bevölkerten asiatischen Raum im Westen bis
zur Türkei [es gibt tatsächlich türkische Handschriften
mit Übersetzungen buddhistischer Texte], im Norden bis
in die Mongolei und nach Sibirien, im Osten bis nach
Korea und Japan, und im Süden bis nach Ceylon und Thailand.
Entsprechend der Anzahl der überlieferten Lehren gab
es eine riesige Zahl von Überlieferungslinien, die wie
eine umgekehrte Pyramide auf eine ständig zunehmende
Zahl von Menschen übertragen wurde. Die Namen und herausragenden
Einzelheiten zur indischen Überlieferung kann beispielsweise
in Dudjom Rinpoche's "The Nyingma School of Tibetan
Buddhism" nachgelesen werden.
Als
der Buddhismus in seinem Mutterland Indien von die über
Afghanistan eindringenden Muslim ausgerottet wurde,
war er bereits in Tibet etabliert [der Dharmakönig Songtsen
Gampo lud die Meister Kusara und Kamalashila, den Brahmanen
Sankara aus Indien, Silamanju aus Nepal und Hashang
Mo-ho-yen aus China nach Tibet ein, die zusammen mit
vielen anderen zahlreiche Übersetzungen der Sutras und
Tantras anfertigten und den Buddhismus in Tibet verbreiteten].
Hier verdrängte er die bis dato ansässige Bön-Religion
[ein Sammelbegriff sowohl für schamanistische und sogar
teilweise schwarzmagische Praktiken, aber auch für Lehren,
die sich auf den dritten Buddha der Bönpos zurückgehen],
die seitdem ein Schattendasein in Tibet führt. Die erste
Installation der buddhistischen Religion geschah um
650 nach Christus und fand cirka ein Jahrhundert später
ihr gewaltsames Ende, als sie ihrerseits durch die zurückdrängende
Bön-Religion unterdrückt wurde. Nach einem weiteren
Jahrhundert konnte der Buddhismus sich dauerhaft in
Tibet etablieren [der zweite Dharmakönig Trisong Detsen
lud Shantarakshita und Padmasambhava und viele andere
nach Tibet ein]. Konzile legten sehr strenge Richtlinien
für die Übersetzungen aus dem Sanskrit fest, und im
Laufe einiger Jahrhunderte konnten beinahe alle damals
noch existenten buddhistischen Texte ins Tibetische
übertragen werden [ich habe in Tibet Flugzeughangargroße
Hallen gesehen, in denen Hunderttausende von Unikaten
tibetischer Blockdrucke lagerten, die sicherlich seit
fünfzig Jahren niemand mehr gelesen hat].
Als Schüler des letzten der 84 Mahasiddhas Naropa brachte
Marpa die meisten Praxisanweisungen [das Mahamudra von
Maitripa und die sechs Yogas von Naropa] nach Tibet
und verbreitete sie dort. Drei der heute noch bestehenden
vier großen Unterschulen des Tibetischen Buddhismus
[Shakyapa, Kagyüpa und Gelugpa] leiten sich von Marpa
Lotsawa her ab [es liegt im geschichtlichen Dunkel,
wieviele andere Sekten bereits erloschen sind]. Die
Nyingmapa halten sich nach wie vor an die noch intakten
alten Überlieferungen von der Zeit vor der muslimischen
Invasion. In jeder dieser Unterschulen werden andere
Lehren und Praktiken bzw. zwar die gleichen Lehren und
Praktiken, jedoch in einer unterschiedlichen Überlieferung
[d.h. auch mit mehr oder weniger geringfügigen Abweichungen
in der Lehrmeinung und in der Praxisanweisung] überliefert.
Die
sogenannte Linienhalter - bsp. der Dalai Lama für die
Gelugpas oder der Gyalwa Karmapa für die Kagyüpas -
sind diejenigen, bei denen alle Fäden der schriftlichen
wie der meditativen Überlieferung zusammenlaufen müssen.
Deshalb empfangen sie Inkarnation für Inkarnation immer
wieder die vollkommene Übertragung, die in ihrer Linie
gehalten wird [und so viel wie möglich von den anderen
Linien zusätzlich], und mit ihnen gemeinsam kann jeder
gewöhnliche Sterbliche [meist zusammen mit vielen Tausenden
anderer] die Übertragungen erhalten, die gerade gegeben
werden - es sei denn die Lehren oder Praktiken seien
zu stark und werden deshalb geheim gehalten. Die Fülle
der zu übertragenden Lehren und Praktiken ist so groß,
daß die Linienhalter ihr ganzes Leben lang fast täglich
lange Übertragungen erhalten. So soll sichergestellt
werden, daß die Übertragungslinien so lange wie möglich
erhalten bleiben. Es kommt sogar verschiedentlich vor,
daß hohe tibetische Lamas mittels bestimmter tantrischer
Praktiken ihren eigenen Tod manchmal um viele Jahre
hinauszögern müssen, um dem nächsten Linienhalter ihrer
Linie noch bestimmte wichtige Übertragungen weitergeben
zu können, die außer ihnen niemand mehr hält.
Bei den vier großen Unterschulen des Tibetischen Buddhismus
handelt es sich selbstverständlich um eine eher theoretische
Größe: Verwirklichte Praktizierende und einfache Leute
aus dem Volk praktizieren fast immer Kombinationen von
Praktiken, die aus unterschiedlichen Übertragungslinien
und damit auch von unterschiedlichen Unterschulen oder
Sekten abstammen. Selbst Kombinationen von Bön und buddhistischen
Traditionen sind bekannt. Sektierertum ist deshalb eher
eine westliche Neuerung als eine geschichtliche Tatsache.
3. Die Prinzipien der Übertragung
Wem
die vom Buddha geschaffenen theoretischen Lehr- bzw.
Meditationssysteme vom Buddha selbst übertragen wurden,
konnte jene deshalb realisieren, weil er vom Buddha
mit den Anweisungen zugleich die Kraft [traditionellerweise
als ,Segen' bezeichnet] von einem Individuum übertragen
bekam, das jene Weisheit zweifelsohne besaß sowie jene
Stufen geistiger Kraft und geistiger Fähigkeiten zweifelsohne
innehatte, die seine Schüler durch seine theoretischen
Anweisungen und Meditationsanleitungen erst gewinnen
sollten,. Die Übertragung der Information allein genügt
also keinesfalls, um zur authentischen Erfahrung vorzudringen;
es bedarf gleichfalls jener ,spirituelle Kraft' oder
,Segen' zu nennender Übertragung durch ein Individuum,
das die zu übertragenden subtilen theoretischen Erkenntnisse
bzw. das Ziel der übertragenen Meditationspraxis selbst
vollkommen besitzt.
Um die theoretischen Einsichten und Praktiken an andere
Individuen übermitteln zu können, die die unterschiedlichen
Schritte auf dem Weg zur Erleuchtung und schließlich
die vollkommene Erleuchtung selbst ausmachen, bedarf
es der folgenden grundlegenden Prinzipien der Übertragung:
-
Ein Individuum, das Lehrsysteme oder Praktiken,
die seine Schüler tatsächlich zu bestimmten theoretischen
Einsichten und Erkenntnissen [subtile Einsichten
über die wahre Natur der Phänomene, die auf allen
Ebenen der Wirklichkeit bis hin zur absoluten Ebene
Gültigkeit besitzen] bzw. zu bestimmten praktischen
Resultaten [bsp. das Bewußtsein aus ihrem Körper
her-ausschleudern zu können oder - weniger spektakulär,
mögen manche sagen - daß sie intelligenter oder
liebevoller werden] führen soll, übermitteln oder
übertragen möchte, muß sowohl das entsprechende
Niveau subtilen theoretischen Wissens als auch die
Ziele und Resultate der entsprechenden Praktiken
selbst vollkommen realisiert haben: Man kann nur
weitergeben, was man selbst bereits verwirklicht
hat! Dies heißt letztlich, daß der Übermittler buddhistischer
Theorie und buddhistischer Praxis grundsätzlich
ein hochverwirklichter Gelehrter und Meditationsmeister
sein muß; selbst die Verfasser buddhistischer Lehren,
die in Schriftform verbreitet werden, muß hochrealisiert
sein - ansonsten kann ihr Leser durch deren Lektüre
nicht zu weitreichenden und in die Tiefe gehenden
Erkenntnissen gelangen [man lese beispielsweise
die Lehren Kyentse Rinpoche's, des unvergleichlichen
Linienhalters der Nyingmapas, die in ihrer Einfachheit
kaum zu übertreffen sind und dennoch von einer Tiefe
sind, daß sie einen - so häufig man sie wieder liest
- immer wieder tief bewegen].
-
Dies ist nur möglich, wenn diese hochverwirklichten
Gelehrten und Meditationsmeister selbst die entsprechenden
Lehren und Praxisanweisungen wiederum von Individuen
erhielten, die jene theoretischen Lehren bzw. Praktiken
ebenfalls vollkommen ,verwirklichen' bzw. in ihre
Persönlichkeit und ihr ganzes Wesen völlig integrieren
konnten. Dies konnte ihnen nur aufgrund eines für
westliche Verhältnisse überaus harten Studiums sowie
jahrzehntelanger Praxis ausgefeilter Meditationsübungen,
die unbedingt täglich viele Stunden Praxis erfordern,
gelingen - ungeachtet des oft schlechten Gesundheitszustandes
des Gelehrten und Meditationsmeisters sowie seines
häufig berstenden Terminkalenders. Auf diese Weise
geht jede Übertragung letztendlich auf den historischen
Buddha zurück, weshalb sie ,lebendige Übertragung'
genannt wird. Je höher ein Lehrer in der buddhistischen
Tradition also steht, umso mehr Arbeit an der eigenen
weiteren spirituellen Vervollkommnung [die quasi
endlos weiter perfektioniert werden kann, bis er
die Qualitäten eines Buddha erlangt] und umso mehr
Mühen und Tätigkeiten zum Nutzen anderer Wesen kommen
auf ihn zu.
-
Derjenige, dem theoretisches Wissen bzw. Praxisanweisungen
übertragen werden sollen, muß ein sehr großes Vertrauen
in die Prinzipien des Buddhismus besitzen und seinem
Lehrer nicht nur zutrauen, daß jener die Lehren,
die er weitergibt, selbst verwirklicht hat, sondern
er muß in seinem Vertrauen so weit gehen, daß er
ihn - was die Vermittlung der entsprechenden Lehren
oder Praktiken betrifft - quasi als verlängerten
Arm des historischen Buddha begreift; deshalb muß
er ihm große Dankbarkeit und Verehrung entgegenbringen,
weil der Lehrer die große Güte besitzt, dem Schüler
die Mittel zur Verfügung zu stellen, die in einer
lebendigen Übertragung letztlich auf Buddha Shakyamuni
zurückgehen und ihm - dem Schüler - dazu verhelfen,
seine leidhaften und begrenzten Geisteszustände
vollkommen zu transzendieren [der Buddhismus tibetischer
Prägung wurde aus diesem Grund von der ersten Übersetzerperiode,
die zu Anfang dieses Jahrhunderts viele grundlegende
buddhistische Schriften in eine mit christlichen
Konnotationen durchsetzte Sprache übersetzte, fälschlicherweise
als ,Lamaismus' - also als Anbetung der Lamas -
mißverstanden].
-
Die übertragenen Lehren und Praxisanweisungen sind
von einer Detailliertheit, die jede Stufe der Verfeinerung
des theoretischen wie direkt-einsichts-mäßigen Erkenntnisniveaus
beim Schüler berücksichtigt. Da die unbewußten Schichten
des Geistes - bildlich gesprochen - von nahezu unendlicher
Tiefe sind, ist auch die Zunahme der Subtilität
und Feinheit geistiger Erkenntnis nicht in einigen
wenigen Etappen zu beschreiben. Diese Detailliertheit
ist deshalb unverzichtbar, weil durch sie meditative
Fehlentwicklungen und pathologische Irrwege des
Übenden vermieden werden sollen.
-
Die Übertragung muß sich auch in der
äußerlichen Form an die Überlieferung halten, wie
sie in entsprechenden Texten [zunächst mündlich
und zwei bis vier Jahrhunderte nach dem Hinscheiden
des Buddha auch schriftlich] fixiert worden sind.
Diese Niederschriften werden traditionellerweise
als ,Stütztexte' [da sie grundsätzlich - selbst
wenn es sich um sehr umfangreiche Werke handelt
- in verkürzter Form auf Inhalte hinweisen, die
der ausführlichen mündlichen Kommentierung durch
einen Gelehrten der Gegenwart und womöglich der
schriftlichen Kommentierung durch Gelehrte der Vergangenheit
bedürfen] bezeichnet. Die Kombination der Weitergabe
schriftlich fixierter Lehren und deren mehr oder
weniger ausführliche mündliche Kommentierung, die
sich streng an der Überlieferung orientieren muß,
garantieren bis zum heutigen Tag, daß das Übermittelte
über die Jahrtausende exakt dasselbe bleiben konnte,
was ursprünglich vom Lehrer Shakyamuni Buddha gegeben
worden ist. Das ist auch deshalb von überragender
Bedeutung, weil die Belehrungen zu Theorie und Praxis
i.d.R. sehr komplex sind und - obwohl sie als geraffte
Stütztexte präsentiert werden - viele Hunderte von
Seiten umfassen. Überdies werden die Instruktionen
- je effektiver, kraftvoller und schneller sie wirken
- in einer verkürzten und sogar verschlüsselten
Weise niedergelegt, die oberflächlich gelesen regelrecht
unsinnig erscheinen und ihre Bedeutung erst dadurch
offenbaren, daß sie von einem in der Überlieferungslinie
stehenden verwirklichten Lehrer persönlich übermittelt
und kommentiert werden. Zu den schwierigsten Texten
gibt es überdies kurze, mittellange und lange Kommentare,
die von höchstverwirklichten, allseits anerkannten
verwirklichten Gelehrten verfaßt worden sind. Auch
diese Kommentare bedürfen der mündlichen Erklärung
von einem Lehrer, der in der Überlieferungslinie
steht. Rein akademische Übersetzungen, wie sie an
den tibetologischen Instituten dieser Welt angefertigt
werden, sind vollkommen nutzlos! Manche Übertragungen
ließ man auch bewußt aussterben, um häufigem Mißbrauch,
der mit den entsprechenden Praktiken betrieben wurde,
ein Ende zu setzen [Beispiel: spezielle Art des
Phowa].
Es ist also die ,Übertragung' vom realisierten Gelehrten
(skrt: Pandita) und Meditationsmeister auf den Schüler,
die eine Übertragung subtiler Erkenntnisse und Methoden
in einer Form ermöglicht, die bei regelmäßiger Übung
die Erlangung exakt desselben Geisteszustandes ermöglicht,
den der historische Buddha bereits vor über zweitausendfünfhundert
Jahren erlangte.
Ein polemisierendes Beispiel, das die Bedeutung und
den Wert des
Christentums jedoch in keiner Weise in Frage stellen
soll:
Wenn
heute an den theologischen Fakultäten der Universitäten
der westlichen Welt die authentischen Worte von Jesus
Christus, so wie sie zu seinen Lebzeiten von in der
theoretischen und praktischen Übertragungslinie stehenden
und verwirklichten Schülern zunächst mündlich weitergegeben
und später auch schriftlich fixiert worden wären, gelehrt
würden, und zwar so, wie sie vor nahezu 2000 Jahren
von Jesus selbst jahrzehntelang immer wieder ausführlich
erklärt und kommentiert worden wären, so daß die jeweiligen
Schüler nicht nur die Worte, sondern auch ihren authentischen
Sinn zu dessen Lebzeiten bereits hätten kennen und realisieren
können, und wenn diese Schüler zudem bis auf den heutigen
Tag durch eine diffizile Stufenfolge spiritueller Übungen
die gleiche Verwirklichung erreichen könnten wie Jesus
selbst, dann könnte man beispielsweise auch in der christlichen
Religion von einer lebendigen Übertragungslinie sprechen.
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