Tashi Verlag
für buddhistische Literatur

 

Guru Rinpoches
Prophezeiung

zur Boudha-Stupa
Leben, Sterben und Tod
in der Sicht des
Tibetischen Buddhismus
Das Übertragungsprinzip
im Tibetischen Buddhismus
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Das Übertragungsprinzip im Tibetischen Buddhismus

(Vortrag gehalten in der Urania zu Berlin am 12.03.1998)

oder:

Wie spirituelle Inhalte so weitervermittelt werden können, daß die jeweils nächste Generation durch das Studium und/oder die Praxis dieser Belehrungen exakt dasselbe realisieren kann, was ihnen von ihren Lehrern vermittelt worden ist = authentische Realisation


In meinem Vortrag geht es nicht darum, Ihnen darzulegen, wie ein begnadeter Künstler wie beispielsweise Michelangelo andere so inspirieren könnte, damit sie Werke schaffen, die seinen vollkommen gleichen, oder wie ein Philosoph von unvergleichlichem Wissen andere so beeinflussen kann, daß sie sein Werk fortsetzen und vertiefen können; ,Übertragung' im Tibetischen Buddhismus kennzeichnet den Prozeß, mittels dessen andere Wesen dazu befähigt werden, theoretische und praktische Methoden erfolgreich anzuwenden, die sie selbst - bald oder irgendwann [je nachdem wieviel Mühen zu investieren sie bereit sind] zu einem Buddha machen. Und Buddha - ich hoffe, darin sind Sie mit mir einig - war bedeutend mehr als ein großer Künstler oder ein Philosoph.

Um der Frage nachgehen zu können, wie die sog. Übertragung im Tibetischen Buddhismus funktioniert, muß zunächst einmal geklärt werden, welcher Stoff im Buddhismus seit Jahrtausenden jeweils vom Übermittler [ein spiritueller Lehrer, der in der Übertragungslinie steht] an diejenigen, die seine Übermittlungen empfangen [seine Schüler] weitergegeben wird. Und um dies zu beantworten, muß man sich der Frage zuwenden, wer oder was der Begründer dieser Lehre eigentlich ist.

1. Buddha und Buddhismus

Der historische Buddha Shakyamuni wurde 563 v. Christus in Lumbini geboren und realisierte im Alter von 35 Jahren die vollkommene Erleuchtung. Zuvor hatte er zunächst ein Jahr lang in Magadha nicht-buddhistische Praktiken geübt und anschließend - als er merkte, daß jene ihn niemals in den Stand versetzen würden, die Leiden der zahllosen Wesen, insbesondere Krankheit, Alter und Tod, ausräumen zu können - am Ufer des Flusses Nerayana sechs Jahre lang unbeschreibliche Härten asketischer Praktiken auf sich genommenen. Als er durch jene so schwach wurde, daß er beinahe starb, gab er die asketischen Übungen zugunsten eines Extreme vermeidenden Weges auf.

Daraufhin meditierte er sieben Tage unter dem Bodhibaum in Bodhgaya; er hatte sich geschworen, sich nicht von diesem Meditationssitz zu erheben, bevor er die vollkommene Erleuchtung realisiert hätte. Als am Ende dieser Zeitspanne der mächtigste der Dämonen [das sind Wesen, die ihre Kraft daraus beziehen, daß sie anderen Wesen Schaden bringen - das Gegenteil des buddhistischen Prinzips], die die Erleuchtung des Buddha zu verhindern trachteten, vor den Buddha trat und fragte, mit welchem Recht er diesen Zustand nun realisieren wollte, antwortete der Buddha, daß er im Verlauf dreier Weltzeitalter [entspricht der dreifachen Lebensdauer eines Universums] in zahllosen Existenzen in außerordentlichem Maße Großzügigkeit geübt und dadurch so viel spirituelles Verdienst angesammelt habe, um die Erleuchtung auszudrücken. Der Dämon fragte den Buddha noch einmal, welchen Beweis er dafür erbringen könnte, und der Buddha legte seine rechte Hand auf die Erde [die Geste, mit der der historische Buddha auf zahllosen bildlichen Darstellungen und als Statue abgebildet ist], worauf die Erdgöttin hervortrat und die Worte des Buddha bestätigte. Darauf erlangte der Buddha die Erleuchtung am Morgen des siebenten Tages.

Vorher zerlumpt und von den asketischen Übungen ausgezehrt, nahm er nun die größeren und geringeren Zeichen der Erleuchtung an [äußerlich: Ushnisha, Dharmaräder in den Handflächen und Fußlinien etc; innerlich: völlige Reinigung und Funktionalität des feinstofflichen Systems der Kanäle, Winde und Tropfen; geheim: Transformation von Körper, Rede und Geist in die drei Kayas: Nirmanakaya, Samboghakaya und Dharmakaya].

Die Erleuchtung besteht

  1. in der Verwirklichung nicht-dualistischer Einsicht in die wahre Natur der äußeren wie der inneren Phänomene [d.h. ein Buddha erlebt jede Millisekunde, daß Wahrnehmung, Objekt der Wahrnehmung und Wahrnehmender bzw. Handlung, Objekt der Handlung und Handelnder nicht unabhängig voneinander existieren und insofern unwirklich sind; da er die traumgleiche Illusionshaftigkeit der Erscheinungen völlig realisiert und jede Idee von einer eigenständigen Existenz als Individuum sowie sämtliche gedanklichen und gefühlsmäßigen Prozesse, die zwangsläufig mit der Identifikation als Individuum einhergehen, vollkommen überwunden hat, kann er den Gang der Ereignisse derart beeinflussen, daß alle Wesen, die ihm und seinen Lehren gegenüber in irgendeiner Form Vertrauen und Offenheit entwickeln, dadurch einen Nutzen erfahren; dieser Nutzen wird mit der Zeit immer mehr aufgehen, so wie sich ein winziger, kaum sichtbarer Same zu einem Urwaldbaum entwickeln kann].

  2. Mit der Erleuchtung gehen viele übernatürliche Kräfte und Fähigkeiten einher [so geht von einem Erleuchteten ein kräftiges Licht aus; sein Geist ist an allen Stellen gleichzeitig; er strahlt unzählige Emanationen aus - d.h. er ist gleichzeitig an zahllosen Stellen im Universum; er ist allwissend und besitzt zahllose andere übernatürliche Fähigkeiten].

  3. Ein Buddha - tib: sangs.rgyas - hat in seinem Bewußtseinsstrom alles gereinigt, was man überhaupt reinigen kann [wenn man davon ausgeht, daß jede negative Tat eine Spur im Bewußtsein hinterläßt, die üblicherweise als negatives Ereignis, das einem selbst in der Zukunft widerfährt, reif wird; werden diese negativen - d.h. andere schädigenden und verletzenden - Handlungen gereinigt, werden einem nicht nur in Zukunft keine entsprechenden negativen Ereignisse mehr widerfahren, sondern man wird dadurch auch die Tiefe seiner Weisheit und prinzipiellen Erkenntnisfähigkeit außerordentlich steigern], und alle Qualitäten verwirklicht, die überhaupt zu verwirklichen sind.

  4. "Ein Buddha verfügt über alle Erkenntnisse und Einsichten, die man überhaupt haben kann, und hat sein Mitgefühl in einem Maße ausgedehnt, daß er den Nutzen sämtlicher fühlender Wesen überhaupt in allen Bereichen der Existenz, an jedem Ort des grenzenlosen Raums und in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft gleichzeitig erbringen kann und tatsächlich erbringt. Insofern gibt es keine höhere Verwirklichung als die der Erleuchtung bzw. der Buddhaschaft.

Der Buddha lebte neunundvierzig Jahre lang in Einfachheit und Armut, obwohl viele Könige und zahlreiche wohlhabende Menschen zu seinen Schülern zählten, die ihm alle nur erdenklichen Reichtümer und Annehmlichkeiten zur Verfügung gestellt hätten, hätte er nur danach verlangt. Außerdem verbrachte er seine Tage sehr diszipliniert: Er stand jeden Tag sehr früh auf, meditierte einige Stunden lang, gab daraufhin denen, die danach verlangten, die unterschiedlichsten Belehrungen und Praxisanweisungen; anschließend absolvierte er seinen täglichen Bettelgang um Nahrung. Nach seiner Mahlzeit gab er denjenigen Belehrungen, die ihm Speisen geopfert hatten, und kehrte dann zu seinem jeweiligen Aufenthaltsort zurück, um erneut für einige Stunden im Samadhi der meditativen Versenkung zu ruhen; dann gab noch einmal denen, die sich nachmittags bei ihm eingefunden hatten, Belehrungen und spirituellen Rat.

2. Geschichte der Übertragungslinien

Der Buddha konnte also seine Lehre - durch den Norden Indiens ziehend - nahezu 50 Jahre lang [er verließ seinen Körper im Alter von 84 Jahren] verbreiten, was - verglichen etwa mit den vier Jahren, die dem Religionsgründer Christus zur Verfügung standen - insofern sehr lange ist, als es selbst heute noch eine geradezu unüberschaubare Fülle von Schriften und Praxisanweisungen gibt, die sich sämtlich auf den historischen vierten Buddha dieses Weltzeitalters Shakyamuni berufen [mehr als die Hälfte der ursprünglichen Belehrungen sind jedoch schon verloren gegangen]. Sämtliche buddhistischen Lehren dienen dazu, alle Wesen entsprechend ihren Neigungen und Fähigkeiten so weit wie möglich auf dem Weg zur Verwirklichung von ,Buddha - dem erleuchteten Zustand' voranzubringen, denn Buddhismus besteht nicht darin, die Person des Buddha zu verehren, anzubeten o.ä. und irgendwelche von ihm erlassenen Gesetze und Verbote zu befolgen, sondern den Zustand eines Buddha so schnell wie möglich selbst zu realisieren. Dies ist nur deshalb möglich, weil Buddhaschaft bzw. die Erleuchtung nicht die Erwerbung neuer, fremder Fähigkeiten und Qualitäten, sondern die Entschleierung der dem eigenen Geist bereits innewohnenden erleuchteten bzw. absoluten Qualitäten ist. Die negativen Bewußtseinszustände aus seinem eigenen Bewußtseinskontinuum herauszureinigen und die Qualitäten, die dem absoluten Zustand des eigenen Geistes innewohnen, zu offenbaren, gelingt nur durch das Beschreiten des buddhistischen Weges - d.h. durch die authentischen Lehren des historischen Buddha.

Der Buddha gab in den sog. ,drei Drehungen des Rades der Lehre' unterschiedlichen Individuen unterschiedliche Belehrungen: Die Shravakas lehrte er die ,vier Edlen Wahrheiten': Leiden in der bedingten Welt sind unvermeidlich [allesdurchdringendes Leiden, Leiden der Veränderung und Leiden des Leidens], Ursprung, Pfad und die Beendigung der bedingten, leidhaften Lebensumstände; und die Pratyekas lehrte er das Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit [dies sind die beiden großen Praxis-Traditionen innerhalb des Hinayana] in Sarnath/Benares. , Wesen, die das Potential besaßen, die Mahayana-Lehren zu erfassen und praktisch anzuwenden, lehrte er auf dem Geierhügel in Rajghir die Lehren der Prajñaparamita über die Transzendenz der gewöhnlichen Bewußtheit zur ursprünglichen Weisheit eines Buddha. f An unterschiedlichen Orten präsentierte er denen, die genug Mut und eine stabile geistige/psychische Verfassung besaßen, um mit den äußerst kraftvollen Methoden tantrischer Meditationen [d.h. Mudra, Mantra und Visualisation] zu arbeiten sowie bereit waren, einen Fleiß in deren Übung zu investieren, der ihr ganzes Leben zur tantrischen Übung transformierte, die verschiedenen Belehrungen des geheimen Mantra- und Tantrayana [heute auch ,Vajrayana' genannt].

Der Buddha selbst hatte eine nahezu unüberschaubare Anzahl von Schülern. Seine Lehren verbreiteten sich im damals bevölkerten asiatischen Raum im Westen bis zur Türkei [es gibt tatsächlich türkische Handschriften mit Übersetzungen buddhistischer Texte], im Norden bis in die Mongolei und nach Sibirien, im Osten bis nach Korea und Japan, und im Süden bis nach Ceylon und Thailand. Entsprechend der Anzahl der überlieferten Lehren gab es eine riesige Zahl von Überlieferungslinien, die wie eine umgekehrte Pyramide auf eine ständig zunehmende Zahl von Menschen übertragen wurde. Die Namen und herausragenden Einzelheiten zur indischen Überlieferung kann beispielsweise in Dudjom Rinpoche's "The Nyingma School of Tibetan Buddhism" nachgelesen werden.

Als der Buddhismus in seinem Mutterland Indien von die über Afghanistan eindringenden Muslim ausgerottet wurde, war er bereits in Tibet etabliert [der Dharmakönig Songtsen Gampo lud die Meister Kusara und Kamalashila, den Brahmanen Sankara aus Indien, Silamanju aus Nepal und Hashang Mo-ho-yen aus China nach Tibet ein, die zusammen mit vielen anderen zahlreiche Übersetzungen der Sutras und Tantras anfertigten und den Buddhismus in Tibet verbreiteten]. Hier verdrängte er die bis dato ansässige Bön-Religion [ein Sammelbegriff sowohl für schamanistische und sogar teilweise schwarzmagische Praktiken, aber auch für Lehren, die sich auf den dritten Buddha der Bönpos zurückgehen], die seitdem ein Schattendasein in Tibet führt. Die erste Installation der buddhistischen Religion geschah um 650 nach Christus und fand cirka ein Jahrhundert später ihr gewaltsames Ende, als sie ihrerseits durch die zurückdrängende Bön-Religion unterdrückt wurde. Nach einem weiteren Jahrhundert konnte der Buddhismus sich dauerhaft in Tibet etablieren [der zweite Dharmakönig Trisong Detsen lud Shantarakshita und Padmasambhava und viele andere nach Tibet ein]. Konzile legten sehr strenge Richtlinien für die Übersetzungen aus dem Sanskrit fest, und im Laufe einiger Jahrhunderte konnten beinahe alle damals noch existenten buddhistischen Texte ins Tibetische übertragen werden [ich habe in Tibet Flugzeughangargroße Hallen gesehen, in denen Hunderttausende von Unikaten tibetischer Blockdrucke lagerten, die sicherlich seit fünfzig Jahren niemand mehr gelesen hat].

Als Schüler des letzten der 84 Mahasiddhas Naropa brachte Marpa die meisten Praxisanweisungen [das Mahamudra von Maitripa und die sechs Yogas von Naropa] nach Tibet und verbreitete sie dort. Drei der heute noch bestehenden vier großen Unterschulen des Tibetischen Buddhismus [Shakyapa, Kagyüpa und Gelugpa] leiten sich von Marpa Lotsawa her ab [es liegt im geschichtlichen Dunkel, wieviele andere Sekten bereits erloschen sind]. Die Nyingmapa halten sich nach wie vor an die noch intakten alten Überlieferungen von der Zeit vor der muslimischen Invasion. In jeder dieser Unterschulen werden andere Lehren und Praktiken bzw. zwar die gleichen Lehren und Praktiken, jedoch in einer unterschiedlichen Überlieferung [d.h. auch mit mehr oder weniger geringfügigen Abweichungen in der Lehrmeinung und in der Praxisanweisung] überliefert.

Die sogenannte Linienhalter - bsp. der Dalai Lama für die Gelugpas oder der Gyalwa Karmapa für die Kagyüpas - sind diejenigen, bei denen alle Fäden der schriftlichen wie der meditativen Überlieferung zusammenlaufen müssen. Deshalb empfangen sie Inkarnation für Inkarnation immer wieder die vollkommene Übertragung, die in ihrer Linie gehalten wird [und so viel wie möglich von den anderen Linien zusätzlich], und mit ihnen gemeinsam kann jeder gewöhnliche Sterbliche [meist zusammen mit vielen Tausenden anderer] die Übertragungen erhalten, die gerade gegeben werden - es sei denn die Lehren oder Praktiken seien zu stark und werden deshalb geheim gehalten. Die Fülle der zu übertragenden Lehren und Praktiken ist so groß, daß die Linienhalter ihr ganzes Leben lang fast täglich lange Übertragungen erhalten. So soll sichergestellt werden, daß die Übertragungslinien so lange wie möglich erhalten bleiben. Es kommt sogar verschiedentlich vor, daß hohe tibetische Lamas mittels bestimmter tantrischer Praktiken ihren eigenen Tod manchmal um viele Jahre hinauszögern müssen, um dem nächsten Linienhalter ihrer Linie noch bestimmte wichtige Übertragungen weitergeben zu können, die außer ihnen niemand mehr hält.

Bei den vier großen Unterschulen des Tibetischen Buddhismus handelt es sich selbstverständlich um eine eher theoretische Größe: Verwirklichte Praktizierende und einfache Leute aus dem Volk praktizieren fast immer Kombinationen von Praktiken, die aus unterschiedlichen Übertragungslinien und damit auch von unterschiedlichen Unterschulen oder Sekten abstammen. Selbst Kombinationen von Bön und buddhistischen Traditionen sind bekannt. Sektierertum ist deshalb eher eine westliche Neuerung als eine geschichtliche Tatsache.

3. Die Prinzipien der Übertragung

Wem die vom Buddha geschaffenen theoretischen Lehr- bzw. Meditationssysteme vom Buddha selbst übertragen wurden, konnte jene deshalb realisieren, weil er vom Buddha mit den Anweisungen zugleich die Kraft [traditionellerweise als ,Segen' bezeichnet] von einem Individuum übertragen bekam, das jene Weisheit zweifelsohne besaß sowie jene Stufen geistiger Kraft und geistiger Fähigkeiten zweifelsohne innehatte, die seine Schüler durch seine theoretischen Anweisungen und Meditationsanleitungen erst gewinnen sollten,. Die Übertragung der Information allein genügt also keinesfalls, um zur authentischen Erfahrung vorzudringen; es bedarf gleichfalls jener ,spirituelle Kraft' oder ,Segen' zu nennender Übertragung durch ein Individuum, das die zu übertragenden subtilen theoretischen Erkenntnisse bzw. das Ziel der übertragenen Meditationspraxis selbst vollkommen besitzt.

Um die theoretischen Einsichten und Praktiken an andere Individuen übermitteln zu können, die die unterschiedlichen Schritte auf dem Weg zur Erleuchtung und schließlich die vollkommene Erleuchtung selbst ausmachen, bedarf es der folgenden grundlegenden Prinzipien der Übertragung:

  1. Ein Individuum, das Lehrsysteme oder Praktiken, die seine Schüler tatsächlich zu bestimmten theoretischen Einsichten und Erkenntnissen [subtile Einsichten über die wahre Natur der Phänomene, die auf allen Ebenen der Wirklichkeit bis hin zur absoluten Ebene Gültigkeit besitzen] bzw. zu bestimmten praktischen Resultaten [bsp. das Bewußtsein aus ihrem Körper her-ausschleudern zu können oder - weniger spektakulär, mögen manche sagen - daß sie intelligenter oder liebevoller werden] führen soll, übermitteln oder übertragen möchte, muß sowohl das entsprechende Niveau subtilen theoretischen Wissens als auch die Ziele und Resultate der entsprechenden Praktiken selbst vollkommen realisiert haben: Man kann nur weitergeben, was man selbst bereits verwirklicht hat! Dies heißt letztlich, daß der Übermittler buddhistischer Theorie und buddhistischer Praxis grundsätzlich ein hochverwirklichter Gelehrter und Meditationsmeister sein muß; selbst die Verfasser buddhistischer Lehren, die in Schriftform verbreitet werden, muß hochrealisiert sein - ansonsten kann ihr Leser durch deren Lektüre nicht zu weitreichenden und in die Tiefe gehenden Erkenntnissen gelangen [man lese beispielsweise die Lehren Kyentse Rinpoche's, des unvergleichlichen Linienhalters der Nyingmapas, die in ihrer Einfachheit kaum zu übertreffen sind und dennoch von einer Tiefe sind, daß sie einen - so häufig man sie wieder liest - immer wieder tief bewegen].

  2. Dies ist nur möglich, wenn diese hochverwirklichten Gelehrten und Meditationsmeister selbst die entsprechenden Lehren und Praxisanweisungen wiederum von Individuen erhielten, die jene theoretischen Lehren bzw. Praktiken ebenfalls vollkommen ,verwirklichen' bzw. in ihre Persönlichkeit und ihr ganzes Wesen völlig integrieren konnten. Dies konnte ihnen nur aufgrund eines für westliche Verhältnisse überaus harten Studiums sowie jahrzehntelanger Praxis ausgefeilter Meditationsübungen, die unbedingt täglich viele Stunden Praxis erfordern, gelingen - ungeachtet des oft schlechten Gesundheitszustandes des Gelehrten und Meditationsmeisters sowie seines häufig berstenden Terminkalenders. Auf diese Weise geht jede Übertragung letztendlich auf den historischen Buddha zurück, weshalb sie ,lebendige Übertragung' genannt wird. Je höher ein Lehrer in der buddhistischen Tradition also steht, umso mehr Arbeit an der eigenen weiteren spirituellen Vervollkommnung [die quasi endlos weiter perfektioniert werden kann, bis er die Qualitäten eines Buddha erlangt] und umso mehr Mühen und Tätigkeiten zum Nutzen anderer Wesen kommen auf ihn zu.

  3. Derjenige, dem theoretisches Wissen bzw. Praxisanweisungen übertragen werden sollen, muß ein sehr großes Vertrauen in die Prinzipien des Buddhismus besitzen und seinem Lehrer nicht nur zutrauen, daß jener die Lehren, die er weitergibt, selbst verwirklicht hat, sondern er muß in seinem Vertrauen so weit gehen, daß er ihn - was die Vermittlung der entsprechenden Lehren oder Praktiken betrifft - quasi als verlängerten Arm des historischen Buddha begreift; deshalb muß er ihm große Dankbarkeit und Verehrung entgegenbringen, weil der Lehrer die große Güte besitzt, dem Schüler die Mittel zur Verfügung zu stellen, die in einer lebendigen Übertragung letztlich auf Buddha Shakyamuni zurückgehen und ihm - dem Schüler - dazu verhelfen, seine leidhaften und begrenzten Geisteszustände vollkommen zu transzendieren [der Buddhismus tibetischer Prägung wurde aus diesem Grund von der ersten Übersetzerperiode, die zu Anfang dieses Jahrhunderts viele grundlegende buddhistische Schriften in eine mit christlichen Konnotationen durchsetzte Sprache übersetzte, fälschlicherweise als ,Lamaismus' - also als Anbetung der Lamas - mißverstanden].

  4. Die übertragenen Lehren und Praxisanweisungen sind von einer Detailliertheit, die jede Stufe der Verfeinerung des theoretischen wie direkt-einsichts-mäßigen Erkenntnisniveaus beim Schüler berücksichtigt. Da die unbewußten Schichten des Geistes - bildlich gesprochen - von nahezu unendlicher Tiefe sind, ist auch die Zunahme der Subtilität und Feinheit geistiger Erkenntnis nicht in einigen wenigen Etappen zu beschreiben. Diese Detailliertheit ist deshalb unverzichtbar, weil durch sie meditative Fehlentwicklungen und pathologische Irrwege des Übenden vermieden werden sollen.

  5. Die Übertragung muß sich auch in der äußerlichen Form an die Überlieferung halten, wie sie in entsprechenden Texten [zunächst mündlich und zwei bis vier Jahrhunderte nach dem Hinscheiden des Buddha auch schriftlich] fixiert worden sind. Diese Niederschriften werden traditionellerweise als ,Stütztexte' [da sie grundsätzlich - selbst wenn es sich um sehr umfangreiche Werke handelt - in verkürzter Form auf Inhalte hinweisen, die der ausführlichen mündlichen Kommentierung durch einen Gelehrten der Gegenwart und womöglich der schriftlichen Kommentierung durch Gelehrte der Vergangenheit bedürfen] bezeichnet. Die Kombination der Weitergabe schriftlich fixierter Lehren und deren mehr oder weniger ausführliche mündliche Kommentierung, die sich streng an der Überlieferung orientieren muß, garantieren bis zum heutigen Tag, daß das Übermittelte über die Jahrtausende exakt dasselbe bleiben konnte, was ursprünglich vom Lehrer Shakyamuni Buddha gegeben worden ist. Das ist auch deshalb von überragender Bedeutung, weil die Belehrungen zu Theorie und Praxis i.d.R. sehr komplex sind und - obwohl sie als geraffte Stütztexte präsentiert werden - viele Hunderte von Seiten umfassen. Überdies werden die Instruktionen - je effektiver, kraftvoller und schneller sie wirken - in einer verkürzten und sogar verschlüsselten Weise niedergelegt, die oberflächlich gelesen regelrecht unsinnig erscheinen und ihre Bedeutung erst dadurch offenbaren, daß sie von einem in der Überlieferungslinie stehenden verwirklichten Lehrer persönlich übermittelt und kommentiert werden. Zu den schwierigsten Texten gibt es überdies kurze, mittellange und lange Kommentare, die von höchstverwirklichten, allseits anerkannten verwirklichten Gelehrten verfaßt worden sind. Auch diese Kommentare bedürfen der mündlichen Erklärung von einem Lehrer, der in der Überlieferungslinie steht. Rein akademische Übersetzungen, wie sie an den tibetologischen Instituten dieser Welt angefertigt werden, sind vollkommen nutzlos! Manche Übertragungen ließ man auch bewußt aussterben, um häufigem Mißbrauch, der mit den entsprechenden Praktiken betrieben wurde, ein Ende zu setzen [Beispiel: spezielle Art des Phowa].

Es ist also die ,Übertragung' vom realisierten Gelehrten (skrt: Pandita) und Meditationsmeister auf den Schüler, die eine Übertragung subtiler Erkenntnisse und Methoden in einer Form ermöglicht, die bei regelmäßiger Übung die Erlangung exakt desselben Geisteszustandes ermöglicht, den der historische Buddha bereits vor über zweitausendfünfhundert Jahren erlangte.

Ein polemisierendes Beispiel, das die Bedeutung und den Wert des
Christentums jedoch in keiner Weise in Frage stellen soll:

Wenn heute an den theologischen Fakultäten der Universitäten der westlichen Welt die authentischen Worte von Jesus Christus, so wie sie zu seinen Lebzeiten von in der theoretischen und praktischen Übertragungslinie stehenden und verwirklichten Schülern zunächst mündlich weitergegeben und später auch schriftlich fixiert worden wären, gelehrt würden, und zwar so, wie sie vor nahezu 2000 Jahren von Jesus selbst jahrzehntelang immer wieder ausführlich erklärt und kommentiert worden wären, so daß die jeweiligen Schüler nicht nur die Worte, sondern auch ihren authentischen Sinn zu dessen Lebzeiten bereits hätten kennen und realisieren können, und wenn diese Schüler zudem bis auf den heutigen Tag durch eine diffizile Stufenfolge spiritueller Übungen die gleiche Verwirklichung erreichen könnten wie Jesus selbst, dann könnte man beispielsweise auch in der christlichen Religion von einer lebendigen Übertragungslinie sprechen.

 

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