Tashi Verlag
für buddhistische Literatur

 

Guru Rinpoches
Prophezeiung
zur Boudha-Stupa
Leben, Sterben und Tod
in der Sicht des
Tibetischen Buddhismus
Das Übertragungsprinzip
im Tibetischen Buddhismus
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Die Befreiung durch Hören

die Geschichte der Großen Stupa Jarung Khashor

[d.i. die Boudha Stupa]

Der zugrundeliegende tibetische Text aus dem späten achten Jahrhundert [ein sog. Schatztext (tib: gter ma), der 2 Mal versteckt und wiedergefunden wurde, bevor er einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde] wird Guru Rinpoche (tib; skrt: Padmasambhava) zugeschrieben. Die spirituelle Gefährtin Guru Rinpoches, Yeshe Tsogyal, soll ihn niedergeschrieben haben. Er soll daraufhin hinter einer Statue von Vairochana im Kloster von Samye versteckt worden sein. In Übereinstimmung mit den im Text gegebenen Anweisungen wurde, nachdem er das erste Mal gefunden wurde, eine Abschrift dieses Schatztextes angefertigt, und daraufhin wurden beide, das Original sowie die Kopie, noch einmal versteckt, um zum geeigneten Zeitpunkt – angeregt von einem Fingerzeig, den der Schatzfinder Ngagchang Shakya Sangpo in einem Traum von Guru Rinpoche erhielt – endgültig gefunden zu werden.

Allgemeine historische Anmerkungen zur Boudha-Stupa: Die Stupa findet das erste Mal Erwähnung als Gravur auf Steinsäulen, die im fünften Jahrhundert errichtet worden sind [woraus nicht geschlossen werden kann, daß die Stupa erst seit diesem Zeitpunkt existiert]. Tibetische Quellen erwähnen die Stupa erst im 14. Jahrhundert. Vom tibetischen Brückenbauer Thangthong Gyalpo ist überliefert, daß er der Stupa im späten 14. bzw. im frühen 15. Jahrhundert einen Besuch abgestattet haben soll, in dessen Verlauf er an der Stupa Unkraut gejätet haben soll. Im 16. Jahrhundert wurde die Stupa restauriert, nachdem sie aus einem Hügel ausgegraben worden war [was für eine frühere Datierung der ürsprünglichen Erbauung spricht], und zwar vom zweiten Schatzfinder des vorliegenden Textes, einem tantrischen Meister der Nyingma-Tradition, der im Kloster Samye eine Vision des historischen Buddha hatte, der ihn aufforderte, ins Kathmandu-Tal zu reisen und dort die Stupa auszugraben und zu restaurieren. Nach einigen Schwierigkeiten gelang es Ngagchang Shakya Sangpo tatsächlich, den richtigen Hügel ausfindig zu machen und die Stupa auszugraben. Im Jahre 1818 sowie im Jahre 1918 wurde die Stupa weitere zwei Mal restauriert. Im Jahre 1821 wurde ihre Spitze mit Kupferplatten eingekleidet, so wie sie auch heute zu sehen sind.

Einleitendes Gebet von Yeshe Tsogyal an Guru Rinpoche: nach oben

E Ma Ho; Amitabha als Dharmakaya, Avalokiteshvara als Samboghakaya und Guru Rinpoche als Nirmanakaya; ich verbeuge mich vor den Lamas, die als Kontinuum der drei Kayas erscheinen.

1. Kapitel: Die Errichtung und Einweihung der Großen Stupa

Dies ist die Geschichte der ‘Großen Stupa von Boudha‘ (mchod rten chen mo bya rung kha shor), der physischen Form des Dharmakaya, welcher nichts anderes ist als der erleuchtete Geist (thugs) sämtlicher Buddhas und Bodhisattvas der drei Zeiten und zehn Richtungen.

Am zehnten Tag des männlichen Feueraffen-Jahres verlieh Urgyen Rinpoche[1], der auf einem Sitz aus neun Schichten feinsten Brokats Platz genommen hatte, im ersten Stock des glorreichen großen Klosters von Samye genannt ‘unwandelbar und spontan erschienen‘ (mi ‘gyur lhun gyis grub pa) vor dem Dharma-König[2] sowie den fünfundzwanzig Hauptschülern von Guru Rinpoche die große Einweihung genannt ‘Erlangung der Herzessenz des Guru‘.

4. Kapitel: Enthüllung der Zeichen, die der Wiederherstellung der Stupa vorausgehen,
sowie die Zeit, in der jene geschehen wird

Erneut wandte sich König Trisong Detsen an Guru Rinpoche: „Großer Meister! Was diese große Stupa von Boudha anbelangt, die wie ein wunscherfüllendes Juwel ist; wird durch die Kraft dieser degenerierenden Zeiten auch jene zerstört werden und Niedergang erfahren oder nicht? Und falls sie Verfall erfahren sollte, welche Zeichen von Fehlverhalten werden zu jener Zeit auf dieser Welt zu beobachten sein? Und wenn es Zeichen solchen Fehlverhaltens geben sollte, welcher Art müssen die Methoden sein und zu welcher Zeit können sie geschehen, um jene wiederherzustellen?“ Darauf erwiderte der Große Guru: „Höre, großer König! Weil auf der letztendlichen Ebene der Wirklichkeit diese Große Stupa untrennbar vom Dharmakaya sämtlicher Buddhas ist, kann sie letztendlich weder Gegenstand von Zerstörung noch von Verfall werden. Aus der Sicht der Erscheinungen der bedingten bzw. konventionellen Wirklichkeit jedoch haben die vier Elemente einen bedingenden Einfluß auf sie, so daß sich verschiedene Arten von Zerstörung und Verfall zeigen werden. Dann wird sie von verschiedenen Manifestationen der Schützer der drei[3] spirituellen Traditionen, derjenigen mit dem grimmigen Gesicht[4] sowie der verschiedenen Aspekte der ehrwürdigen Tara wiederhergestellt werden.

nach obenDaraufhin wird eine Zeit anbrechen, in der sich die Lebensdauer der Menschen auf fünfzig Jahre vermindert haben wird[5]; die Lehre des Siegreichen Shakyamuni wird dem Verfall preisgegeben sein. Zu jener Zeit werden sämtliche Klöster voll mit ,Menschen, die die zölibatären Gelübde nicht beachten‘[6] (khyim pa), sein, die Gebetshallen werden zu ,militärischen Befestigungsanlagen‘ (‘thab ra), Klöster zu Schlachthäusern geworden sein, alle Einsiedler, die Bergretreats praktizierten, werden in die Täler zurückkehren, ,Große Praktizierende‘[7] werden wieder Ackerbau betreiben, Yogis (zhig po)[8] werden Reichtümer ansammeln, Mönche werden heiraten und sich in Familien niederlassen, und Ordinierte[9] werden zu Räubern und Dieben geworden sein. Bürgerkriege werden sich wie Stürme erheben, der Beginn der Kämpfe und Auseinandersetzungen wird sich im Zentrum des Landes [Nepal] etablieren[10]. Die Gelehrten werden zu Kriegsherren, und die Ordinierten werden zu Kriegern werden. Nonnen werden ihre unehelichen Kinder töten[11]. Ererbte Ländereien werden von Fremden genutzt, Söhne werden kein Anrecht auf das Heim ihrer Eltern haben. Barbaren werden das Land verwalten. Junge Mädchen werden das Gebiet der Klöster betreten, und Bönpos werden in den Bergeinsiedeleien ihre Kriegsrufe schreien[12]. Diebe werden sich die Reichtümer der Klöster gewaltsam aneignen, die Texte der Tathagatas und die Objekte, die auf den Altären stehen, werden als Hypotheken verpfändet werden. Die Verkörperungen von Körper, Rede und Geist der Erleuchteten werden wegen ihres Wertes gestohlen werden, und – ihrer eigentlichen Kostbarkeit beraubt – zu Gegenständen des gewöhnlichen Handels werden. In den Gebetshallen werden Pferde und Ochsen gehalten werden, die jene mit ihren Verunreinigungen anfüllen werden.


In jener Zeit wird das Herz der Mönche von ‘grausamen Wesen, die Nervenstörungen und Epilepsie hervorrufen‘ (rgyal po) besessen sein; Yogis werden von Maras besessen sein, Bönpos von ‘mächtigen Dämonen, die in den Bergen und Flüssen hausen‘ (btsan), männliche Erwachsene von Zauberern und Hexern (‘gong), Kinder von bestimmten Hungergeist-Dämonen (the’u rang), erwachsene Frauen von ‘weiblichen Dämonen, die sich durch übersteigerte Lust manifestieren‘[13] (bsen mo), Nonnen von ‘übelwollenden Geistern, die ihre Gelübde verletzt haben‘ (dam sri), und junge Mädchen von Teufelinnen (‘dri mo) – kurz: die Herzen sämtlicher Tibeter in Nepal, Indien und Tibet werden von irgendwelchen Dämonen besessen sein. Als Indikator dafür, daß jene Besessenheiten eingetreten sind, werden die Menschen unpassende Kleidungstücke tragen: Mönche werden erotische Kleidung anlegen, und Nonnen werden ständig in den Spiegel schauen[14]. Jeder trägt Rüstungen und Waffen und versucht andere mit schlechter Nahrung zu vergiften. Es werden die Äbte und Ritualmeister sein, die andere schlechte Denkweisen lehren. Die Verwaltung und die politischen Führer sind nicht mehr vertrauenswürdig, erwachsene Männer besitzen weder Scham noch Ehrgefühl, während erwachsene Frauen ihren Körper nicht mehr pflegen, Mönche die Disziplin nicht mehr wahren[15] und Yogis ihre Gelübde nicht mehr wahren. Jedes Jahr werden sich aufgrund der gesteigerten Empfänglichkeit für die Aktivität der weit verbreiteten übelwollenden Geister, der allgegenwärtigen grausamen Dämonen sowie der Zauberer und Hungergeist-Dämonen die verbalen Ausdrucksweisen, die Arten, sich zu schmücken, sowie die Kleidungsgewohnheiten erneut ändern. Menschen, die die Dharmasprache beherrschen, werden der Vergangenheit angehören; stattdessen wird das sinnlose Geplapper von Frauen als das Klügste gelten. Scharlatane werden erlogene Einweihungen geben, Schwindler sich als große Meditierende ausgeben, während sich Plappermäuler und geschickte Zungen als gebildet ausgeben. Geltungssüchtige und Gelübdebrecher gelten als die Wichtigsten. Diener werden das Königreich kontrollieren, und ist der König erst zu einem gewöhnlichen Bürger degradiert[16], dann werden ‘Mörder‘[17] (shan pa) zu Führern des Volkes werden. Diejenigen werden als die Couragiertesten gelten, die die größten Schandtaten begehen. Lamas, die die tiefgründigen geheimen mündlichen Lehren weitergeben, werden wie Hunde heimatlos umherstreunen. Ihre Schüler, die ihre Gelübde gebrochen haben oder nur unzulänglich halten, streifen herum wie Löwen ohne eigenes Revier[18]. Pervertierte Emanationen übelwollender Dämonen werden Doktrin (bslab pa’i lta) verbreiten, die sie als unübertrefflich und geheim kennzeichnen; sie tun alles, um ihre eigene Position zu stärken. Siddhas und Gelehrte, die sich bemühen, in Übereinstimmung mit der Lehre des Buddha zu handeln bzw. im Geheimen zu praktizieren, werden allen möglichen Anschuldigungen und Verdächtigungen ausgesetzt sein. Übles Volk und gewöhnliche Personen werden sich in feine Baumwollgewänder kleiden oder gar die Roben der Ordinierten anlegen; die Ordinierten[19] dagegen werden die ‘Kleider der Tataren‘ (hor chas) anlegen[20]. Mörder werden die saffranfarbenen Gewänder der Mönche anlegen, und die Menschen werden schwarze Magie[21] und üble Mantren studieren. Mönche werden Gift mischen sowie sich Betrug und Profit gemeinsam zunutzemachen. Sie werden falsche Lehren komponieren und sie publizieren, jene mit den authentischen Lehren des Buddha sowie der erklärenden Kommentare der Vajra-Meister vermischend[22] (‘chol du ‘jug). Sie werden alle möglichen korrumpierten Dharmalehren, von denen man nie vorher gehört hat, einführen sowie alle möglichen bizarren Praktiken propagieren. Sie werden Handlungsweisen ausüben, die nie zuvor mit dem Dharma in Verbindung gebracht wurden, und jene unter ihren Anhängern etablieren. Sie werden kraft der verschiedensten unmoralischen Handlungsweisen sämtliche guten Sitten und Gebräuche in Frage stellen. Sie werden gierig nach den Opferungen für die Repräsentationen der Drei Kostbaren Juwelen[23] greifen und jene für sich selbst verwenden, dabei schwörend, ihr Begehren nach diesen Objekten habe sich erschöpft.


nach obenIndem die Menschen auf diese Weise auf die verschiedensten Irrwege geraten, werden sie wegen ihrer Ausübung der verschiedensten üblen Handlungsweisen nicht mehr unter dem Schutz der Schützer des weißen Dharma[24] stehen. Die Jahreszeiten[25] (dus tshod), die Planeten und Sterne geraten aus ihren geordneten Bahnen, und ein großer, vorher nie gesehener Planet namens ‘großer Komet‘[26] (phod chen) wird erscheinen. Regen wird zur Unzeit fallen, und gewaltige Regenmassen werden die Hügel und Täler Nepals überschwemmen. Es wird ohne Unterlaß zu einer Vielzahl von Hungersnöten, Mißernten und Hagelstürmen kommen, und da die weltlichen Götter[27] (ma mo) und Erdgottheiten (brtan ma) erzürnt werden, kommt es zu Epedemien (mi nad) und einer Vielzahl von Erkrankungen, die sich so zahlreich verbreiten, daß man ihnen keine Namen mehr zuweisen kann. Zeitweilig wird es zu Erdbeben, Überflutungen, Feuersbrünsten sowie fürchterlichen Stürmen kommen[28], die Klöster, Stupas und Städte in einem Moment ausradieren werden[29]. Zu jener Zeit wird diese Große Stupa ebenfalls zerstört werden und auseinanderbrechen. Aufgrund dieser Beschädigung (!) wird im indischen Bodhgaya das ‘Rad des Dharma‘[30] ebenfalls beschädigt werden, und zu dieser Zeit wird Nepal wie von einem Sturm mit Krieg überzogen werden, der dort ohne Unterlaß toben wird.

Dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn in Indien eine ganze Generation durch Hungersnöte dezimiert werden wird; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn im Zentrum von Nepal eine ganze Generation durch Epedemien[31] dezimiert werden wird; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn die obere Region von Ngari[32] (mnga‘ ris) von einem Erdbeben heimgesucht wird, das eine ganze Generation dezimiert; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn im Zentrum von Ü und Tsang[33] eine ganze Generation von Epedemien und Hungersnöten dezimiert werden wird; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn in Richtung der ‘südlich von Lhasa gelegenen Flußniederungen‘ (skyid shod) die Erde zusammenstürzt; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn im Land der Mön[34] die Schneeberge zusammenstürzen; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn die Bergkette Wu T’ai Shan (ri bo rtse lnga) in Tibet drei schwer einzunehmende Burgen entstehen werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn sich die Retreatzentren in die ‘Schlucht der Bärenhöhlen‘[35] (dom tshang gi rong) in Mön niederlassen müssen; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn in Kham[36] zwei Sonnen[37] entstehen werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn der Herrscher von China augenblicks verstirbt; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn Invasionstruppen aus vier Richtungen ins Zentrum vorrücken[38]; dies wird zu einer Zeit geschehen, zu der die Tataren von Mudur[39] (mu dur) Ngari[40] (mnga‘ ri) verwüsten werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn die Truppen der Jang[41] (‘jang) in Kham einmaschieren werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn die türkischen (du ru kha) Truppen Indien verwüsten werden; dies wird in einer Zeit geschehen, wenn die kaschmirischen (gar log) Armeen den Dharma zerstören werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn der Tempel Rasa Trülnang[42] (ra sa ‘phrul snang) von Wassermassen bedroht sein wird; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn das wunderbare nahe der Hauptstadt Lhasa gelegene Kloster Samye endgültig zerstört werden wird; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn die Dharmachakra-Stupa in Tradruk[43] (khra ‘brug) ins Wanken gerät; dies wird in einer Zeit geschehen, zu der die heiligen Pilgerorte in Tibet menschenleer sein werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn die Retreatplätze von den So-Schreien der Bönpo widerhallen werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn alle großen und einflußreichen Personen vergiftet worden sein werden[44]; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn sich die verschiedenen philosophischen Traditionen und Praxislinien durch Dispute in zahllose Parteien und Untergruppen zerstritten haben werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn Personen, die die buddhistische Doktrin vertreten, unerwartet sterben; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn hinterlistige Gelübde-Brecher zu angesehenen nach obenFührern werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn die Gelbrücken-Schakale ihr Geheul erklingen lassen; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn die tibetischen Gebiete voll von Manifestationen Maras sein werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn das Seidenband gelöst werden wird, das den Dharma in den Götterbereichen zusammenhält; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn das Grasseil, das den Strohballen des Dharma in den Menschenbereichen zusammenhält, zerschnitten wird; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn das goldene Joch der Verfassung[45] (rgyal khrims) [dem sich alle Bewohner eines Landes beugen müssen] außer Kraft gesetzt worden sein wird; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn die Quelle, die die Gesetze des Landes hervorbringt, ausgetrocknet sein wird; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn selbst die letzte Schicht (gyang lugs) von Schamhaftigkeit bezüglich der eigenen Disziplin abgelegt worden ist; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn Dharma-Praktizierende schwach und kraftlos geworden sein werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn jene Schamlosen, die nicht dem Dharma nachfolgen, hitzig und aufgeregt sein werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn jene als Äbte, verwirklichte Meister und Gelehrte u.ä. auftreten werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn gewöhnliche Individuen, die sich zu Meistern aufschwingen, Dharma-Belehrungen und Einweihungen präsentieren werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn das Ansammeln von Verdienst dazu verkommen sein wird, Schmeicheleien zum Dank zu erwarten; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn ein verrückter (smyon) Schlächter[46] (shan pa) zum Führer der Menschheit geworden sein wird; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn die Täler, Pässe und gewundenen Bergpfade voller Räuber und Banditen sein werden; dies wird zu einer Zeit geschehen, wenn der tibetische Rat (‘dun ma) von jedem, der Macht hat, beherrscht werden wird; dies wird zu einer Zeit geschehen, in der alles in Stücke bricht, in der weder auf Versprechen noch auf Regeln und Gebräuche oder auf Führerschaft Verlaß ist; dies wird zu einer Zeit geschehen, in der die tibetischen Länder durch das Verhalten seiner Bewohner zugrundegerichtet sein werden.

All jene negativen Ereignisse werden nur deshalb auf dieser Welt eintreten, weil diese Große Stupa die Verletzungen von Zerstörung und Verfall erfahren haben wird! Dies sind die Zeichen, daß die Zeit gekommen sein wird, daß eine Renovierung unerläßlich ist. Wenn zu dieser Zeit ein Individuum erscheint, das sowohl das Karma als auch das Verdienst besitzt, welche mit dieser Aufgabe korrespondieren, das sämtlichen Angelegenheiten dieses Lebens entsagt und die überragende Motivation entwickelt, jene Renovierung vorzunehmen, dann wird jene zuwegegebracht werden.“

König Trisong Detsen und alle Anwesenden waren durch das Gehörte sehr schockiert und gerieten in große Furcht, ja in äußerste Verzweiflung, und waren in höchstem Maße alarmiert. Schließlich erhob sich der Dharma-Minister Pema Gungtsen höchstselbst von seinem Sitz, vollführte einhundert Verbeugungen und äußerte folgendes Wunschgebet: „Großer Meister, wenn Zeiten wie diese - schlecht und degeneriert – geworden sein werden, und die Große Stupa Zerstörung und Verfall erfahren haben wird, wie es von Dir gesagt worden ist, möge ich derjenige sein, der die Aufgabe der Restaurierung vollenden wird.“ Der Mahaguru sprach: „Möge es so geschehen!“ Und auch die Gelehrten und Übersetzer unterstützten dieses Wunschgebet wohlwollend. Der Große Dharmakönig brachte daraufhin seine Freude zum Ausdruck und sprach ein Wunschgebet, um dieses Anliegen zu unterstützen.

nach obenDies ist aus der Geschichte der Großen Stupa Jarung Khashor das vierte Kapitel, das erläutert, welche Zeichen zu den Zeiten von Zerstörung und Verfall, wenn die Lebensspanne auf fünfzig Jahre gesunken sein wird, anzeigen, daß eine Restaurierung erforderlich ist, und die Zeit beschreiben, wann dies geschehen wird.

Samaya Gya Gya Gya


Erläuternde Einleitung: Wir leben in den Zeiten des Niedergangs der buddhistischen Lehre [traditionellerweise werden fünf Perioden von jeweils fünfhundert Jahren unterschieden, die – ausgehend von der Zeit, in der der historische Buddha wirkte (also ca. 500 vor Chr.) – ein beständiges Nachlassen der Intensität der buddhistischen Theorie und Praxis kennzeichnen; wir leben heute auf das Ende der buddhistischen Epoche zu]. König Trisong Detsen richtet an Guru Rinpoche die Frage, ob die Große Stupa von Boudha ebenfalls Verfall und Zerstörung erfahren wird. Guru Rinpoche hat in den vorhergehenden Kapiteln dieses Textes ausgeführt, daß die Stupa Reliquien des dritten Buddhas dieses Zeitalters – Kashyapa [undatierbar] – enthält, und daß während der Einweihung der Boudha-Stupa Buddha Kashyapa zusammen mit seinem Gefolge von Buddhas und Bodhisattvas der drei Zeiten und zehn Richtungen, umgeben von zahllosen Arhats, gemeinsam mit den Herren der fünf Buddhafamilien sowie sämtlichen friedlichen und zornvollen Gottheiten im Himmel vor den Erbauern dieser Stupa erschienen. Ein Blumenregen fiel vom Himmel, Musik erklang, der Geruch himmlischen Weihrauchs erfüllte die Luft, und von den Körpern der zahllosen Tathagatas fiel Weisheitslicht hernieder, so daß für einen Zeitraum von fünf Tagen nicht unterschieden werden konnte, ob es Tag oder Nacht war; daraufhin schmolzen sämtliche Buddhas und Bodhisattvas der drei Zeiten und zehn Richtungen in einen einzigen Lichtstrahl, der mit der Großen Stupa verschmolz.

Die Boudha-Stupa verfiel jedenfalls in den kommenden Jahrhunderten ,aufgrund des bedingenden Einflusses der vier Elemente‘ [also durch Verfall aufgrund von mangelnder Pflege, weil sie im Lauf vieler Jahrhunderte fernab von menschlichen Behausungen gelegen war] und wurde daraufhin von verschiedenen Schützern der drei spirituellen Traditionen innerhalb des Tibetischen Buddhismus [nämlich u.a. von Ngagchang Shakya Sangpo, Thogden Shakya Shri, dessen Söhnen sowie Lobpön Sönam Sangpo] restauriert.


1 ein anderer Name für Guru Rinpoche (tib) bzw. Padmasambhava (skrt)

2 Trisong Detsen

3 die Gelug-Schule wurde erst im späten 14. Jahrhundert von Tsongkhapa gegründet

4 eine Umschreibung für Palden Lhamo (tib) bzw. Mahakali (skrt), die ein zornvoller Aspekt von Jetsün Tara ist

5 Natürlich ist jetzt noch nicht klar, wann und aufgrund welcher Vorkommnisse sich die Lebensdauer der Menschen auf 50 Jahre senken wird [denkbar ist eine schleichende Entwicklung, aber auch chemische und/oder atomare Umweltkatastrophen sowie eine Zunahme von Epedemien verschiedenster Art, die die durchschnittliche Lebenserwartung schlagartig drastisch senken könnte] – jedenfalls ist es angesichts der derzeitigen globalen politischen Umwälzungen bislang unbekannten Ausmaßes sowie solcher Phänomene wie der zunehmenden Immunität von Keimen auf Antibiotika, der zunehmenden Gefährdung durch Umweltgifte, Klimaveränderung, terroristische Anschläge, eine zunehmend mangelnde Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe und gesunder Lebensmittel sowie zunehmender weltweiter sozialer Spannungen aufgrund des sich verstärkenden Nord-Süd-Gefälles durchaus denkbar, daß die Sterblichkeitsrate in einem absehbaren Zeitraum erheblich zunehmen sowie die durchschnittliche Lebenserwartung sich in einem absehbaren Zeitraum erheblich verringern könnte.nach oben

6 Die Klöster in Boudha sind bereits jetzt voll mit Mönchen und Nonnen, die die zölibatären sowie andere Gelübde nicht beachten [Alkohol trinken, stehlen, Einbrüche begehen ... ]. Auch die übrigen tibetischstämmigen Einwohner Nepals verlieren mit erschreckender Geschwindigkeit ihre Verankerung in der buddhistischen Religion: Was die chinesische Besatzungsmacht in Tibet mit gewaltsamer Unterdrückung nicht zuwegegebracht hat, ist in den tibetischen Enklaven Nepals und Indiens aufgrund der Übernahme der westlichen Lebensweise binnen kürzester Zeit erschreckende Realität geworden: Von jungen Tibetern begangene Morde sowie andere Gewaltverbrechen sind an der Tagesordnung; gelebtes Mitgefühl und Freundlichkeit im alltäglichen Umgang sind unter und mit Tibe­tern kaum noch zu beobachten; die Zahl der Tibeter, die die buddhistische Religion studieren und praktizieren, ist in einem ständigen Niedergang begriffen. Erste Anzeichen der von Guru Rinpoche prophezeiten Veränderungen sind also durchaus schon zu beobachten.

7 d.s. Individuen, die den größten Teil des Tages und der Nacht praktizieren

8 je nach Zusammenhang auch als ,Individuen, die ihre Gelübde nicht sehr ernst nehmen‘ zu übersetzen

9 lit: die, die einem Leben als Haushälter entsagt haben

10 Die Vorboten der angekündigten Bürgerkriege in Nepal sind momentan ja schon zu erkennen.

11 Übersetzt man die Silben des Ausdrucks ‘uneheliche Kinder‘, die von den Nonnen getötet werden (phyi phrug), einzeln, dann heißt dieser Terminus: Kinder, die aus Vergewaltigungen von Nonnen hervorgehen – der Akt, der zur Schwangerschaft von Nonnen führt, soll also mehr oder weniger willentlich sein. Die Abtreibung bzw. Tötung der eigenen Kinder dagegen soll willentlich ausgeführt werden.

12 Das ‘Kriegsgeschrei der Bönpos‘ bezieht sich auf jene schamanistischen Bön­pos, die in früheren Zeiten Blutopfer darbrachten und dem Buddhismus feindlich gesonnen waren, nicht aber auf den entwickelten und reformierten Bön, der unlängst von S.H. dem XIV. Dalai Lama als fünfte Schule des Tibetischen Buddhismus anerkannt worden ist.

13 Es sollte an dieser Stelle hervorgehoben werden, daß Buddhismus in keinster Weise sinnenfeindlich ist – nirgendswo wird gegen weibliche Lust polemisiert. Es ist jedoch unbestritten, daß es für beide Geschlechter pervertierte Übersteigerungen von Lust gibt [Sadismus, Masochismus, Sodomie ... ]; es sind solche Regungen, von denen in diesem Text in Verbindung mit der künftigen Sexualität weiblicher Tibeterinnen die Rede ist.

14 Auch ist es inzwischen unter Mönchen und Nonnen in Boudha an der Tagesordnung, ohne jedes Unrechtsbewußtsein [wegen des offenkundigen Bruchs Ihrer Gelübde] geschlecht­lichen Verkehr miteinander zu pflegen; die Klöster gehen nur noch halbherzig gegen diese Entwicklung vor.

15 Die meisten Mönche in Boudha besitzen inzwischen Accessoires wie kostspielige Uhren, die modernsten Mobiltelefone, teure Schuhe, aber auch teure Motorräder, DVD-Player etc. – und nutzen jene natürlich permanent; eine einfache, im buddhistischen Dharma verankerte Lebensweise ist nur noch für die wenigsten Mönche verbindlicher Verhaltenskodex.

16 Momentan [im Frühjahr 2007] laufen Bestrebungen, den nepalesischen König seiner Würde und Sonderrechte zu berauben [das mag an sich nicht schlecht sein, markiert jedoch den Zeitraum, in dem die Große Stupa dem Verfall preisgegeben sein wird].

17 auch als ‘Schlächter‘ zu übersetzen

18 d.h. in beständiger Furcht, von einem Revierinhaber angegriffen und vertrieben zu werden

19 Mönche und Nonnen

20 Die Kleider der Tataren [Sammelbegriff für muslimische Völker Zentralasiens, die den Sunniten angehören] zu tragen bedeutet, sich muslimisch zu kleiden. Dies bedeutet zumindestens, daß sich [wahrscheinlich in absehbarer Zeit] der Einflußbereich des Islam in Asien stark ausweiten und auch das in erster Linie hinduistische Nepal überschwemmen wird [es gibt Gerüchte, daß eine Vielzahl afghanischer Kämpfer sich nach der Besetzung ihres Landes durch die USA der maoistischen Bewegung in Nepal angeschlossen haben sollen]. Es ist durchaus denkbar, daß Ordi­nierte die Kleidung muslimischer Völker anlegen werden, um auf diese Weise unauffälliger ihrer Religion nachgehen zu können.

21 ein Sammelbegriff für solche Praktiken, die sich die Lebenskraft anderer für eigennützige Zwecke wie die Steigerung der eigenen Macht über andere, des eigenen Wohlstandes und der eigenen Lust nutzbar macht

22 auch als ‘so daß jene mit den authentischen ... verwechselt werden‘ zu übersetzen

23 Buddha, Dharma und Sangha

24 d.h. guten – in Abgrenzung zu schwarzer Magie

25 Daß die Jahreszeiten nicht mehr gleichmäßig verlaufen, läßt sich als Hinweis auf die Klimaverschiebung verstehen.

26 Mit dem großen, nie zuvor gesehenen Planeten kann die große Konjunktion der meisten Planeten dieses Sonnensystems gemeint sein, die im Jahre 2012 eintreten wird [der Maya-Kalender hört hier auf].

27 weibliche, außerordentlich zornvolle Gottheiten

28 d.h. die vier Elemente geraten aus den Fugennach oben

29 New Orleans ist nur ein Beispiel unter vielen für die zunehmende Gewalt der Naturkatastrophen, die ganze Städte binnen kürzester Zeit unbewohnbar machen. Zudem liegt Kathmandu über einem tektonischen Graben, und erfahrungsgemäß kommt es alle 60 Jahre zu einem großen Erdbeben [d.h. seit 12 Jahren ist ein großes Erdbeben überfällig].

30 Mit dem Teminus ‘Dharmarad‘ wird normalerweise das Drehen des Rades der buddhistischen Lehre umschrieben; die Zusätze ‘im indischen Bodhgaya‘ verweisen jedoch auf die Stupa, die an der Stelle errichtet wurde, an der der historische Buddha Shakyamuni die Erleuchtung erlangt hat. Offenbar ist sie es, die aufgrund der Beschädigung der Boudha-Stupa ebenfalls beschädigt werden wird.

31 Guru Rinpoche beschreibt in anderen Schatztexten die Krankheiten genauer, die die Menschen gegenwärtiger und künftiger Zeiten heimsuchen werden. Beispielsweise sagt er im Lehrzyklus des Dorje Drakpo Tsal (rdo rje drag po rtsal kyi chos skor), daß die Menschheit von einer bestimmten, vollkommen unheilbaren Krebs­form sowie von ebenfalls völlig unheilbaren Arten des Aussatzes, in der sich in der Haut Wunden zeigen, die nicht wieder zuheilen, heimgesucht werden wird.

32 in West-Tibet

33 Zentraltibet

34 d.s. verschiedene Stämme im Südwesten Tibets

35 in der tibetischen Region Tsari

36 Region in Westtibet

37 Die beiden Sonnen, die in Kham entstehen sollen, verweisen keinesfalls auf ein astronomisches Phänomen, da dies selbstverständlich von allen Orten auf dem Planeten Erde aus sichtbar wäre; es bleibt der düsteren Phantasie des Lesers überlassen zu imaginieren, was Guru Rinpoche mit dieser Umschreibung in der Sprache seiner Zeit hat zum Ausdruck bringen wollen.

38 es bleibt unklar, ob hiermit Nepal oder Tibet gemeint ist; der tibetische Terminus ‘dbus‘ für Zentrum verweist jedoch auf Zentraltibet

39 die Silbe ‘mu‘ gibt einen Hinweis auf die Turkvölker Kirgisisens, Usbekistans, Afghanistans etc.

40 in West-Tibet gelegen

41 ein nordwestlich gelegenes altes Grenzgebiet zwischen dem alten Tibet und China, das heute chinesisch ist

42 der Jokhang-Tempel in Lhasa

43 in Yarlung

44 Personen von alternativem politischen Einfluß werden ja neuerdings mit strahlendem Material ‘vergiftet‘, ohne daß die Öffentlichkeit der sog. ‘freien Welt‘ hierauf in merklichem Umfange mit Empörung reagieren würde.

45 Die nepalesische Verfassung ist seit einem Jahr [im Frühjahr 2007] außer Kraft gesetzt.

46 Nach Hitler, Stalin, Mao und Phol Phot wird offenbar ein noch verrückterer Schlächter kommen, der zu einem Führer der gesamten Menschheit werden wird.


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