Tashi Verlag
für buddhistische Literatur

 

Guru Rinpoches
Prophezeiung

zur Boudha-Stupa
Geist & Psyche
Leben, Sterben und Tod
in der Sicht des
Tibetischen Buddhismus
Das Übertragungsprinzip
im Tibetischen Buddhismus
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Geist und Psyche

(Vortrag gehalten in der Urania zu Berlin am 10. Januar 1994)

Ich bin von Beruf Diplom-Psychologe. In diesem Berufsfeld war ich bislang in unterschiedlicher Weise therapeutisch tätig. Wer immer sich mit dem Innersten des Menschen auseinandersetzt - gleichgültig ob man dieses Innerste die Seele, die Psyche, das Wesen, den Persönlichkeitskern, die Eigennatur des Menschen oder sein Bewußtsein nennt - kann sich selbstredend nicht der Frage verschließen, worum es sich beim dem Menschen Eigentümlichen eigentlich handelt. Was ist es denn nun eigentlich,

  • was durch unsere Augen sieht,

  • durch unsere Ohren hört,

  • das Dauergewitter der über uns hereinprasselnden Emotionen erfährt,

  • ständig - gewollt oder ungewollt - irgendetwas denken muß,

  • sowie pausenlos willkürliche wie unwillkürliche Entscheidung trifft, via die beteiligten Areale des Gehirns seinen Gliedmaßen zu befehlen, bestimmte Bewegungen auszuführen,

  • oder zu dem Schluß gelangt, daß man sich mit bestimmten Situationen arrangieren kann, während andere erst gar nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden?

Lassen Sie mich zunächst die wichtigsten psychologischen Erklärungen zur ,Persönlichkeit' des Menschen kurz auflisten, um diesen sodann die buddhistische Auffassung schon deshalb etwas ausführlicher gegenüberzustellen, weil sie im Westen kaum bekannt sein dürfte.

Bei allen Fragen, die das sog. ,Menschenbild' - wie der entsprechende Fachterminus für den hier skizzierten Persönlichkeitskern des Menschen in der Pschologie lautet - betreffen, gibt es in der psychologischen Wissenschaft, deren Auftrag doch die Erforschung des Erlebens und Verhaltens des Menschen ist, unterschiedliche Behauptungen darüber, was das dem Menschen Eigentümliche sei: Ausgehend von den bahnbrechenden Erkenntnissen Darwins, Mendels u.a. [beispielsweise Sir Galton, der objektive Meßmethoden einführte und dem zufolge jedes neugeborene Kind zunächst einer ,Tabula rasa' gleiche] entstand im letzten Jahrhundert die vor allem der Biologie entlehnte Auffassung, nach der den Menschen hauptsächlich sein Denk- und Sprachvermögen sowie die Fähigkeit auszeichne, selbstbestimmt zu planen und zu handeln.

Diese Sichtweise prägte vordringlich die in den Materie-orientierten Naturwissenschaften weitgehend [und mehr oder weniger stillschweigend] geteilte Ansicht, aus der Tätigkeit des Gehirns leiteten sich alle psychischen Vorgänge ab. Da die Evolutionstheorie den Glauben an die göttliche Schöpfung ersetzt hatte, schienen damit - zumindestens was die Wissenschaften betraf - sämtliche Vorstellungen von einer menschlichen Seele hinfällig geworden zu sein. Von der Überzeugung geleitet, das im Laufe der individuellen Entwicklung ausgeformte Verhaltensrepertoire komme dadurch zustande, daß die im Tierexperiment evaluierten sog. ,unbedingten Reize' [beispielsweise Speichelfluß] immer mehr durch sog. ,bedingte Reize' [Glockenton, Licht etc.] ersetzt, solche bedingten Reaktionen miteinander kombiniert und neue Verhaltensweisen durch selektive Bekräftigung ausgeformt werden, formulierten die ,Behaviouristen' in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts die These, daß man in das Innere des Menschen ebensowenig hineinsehen könne wie in das Innere einer ,Black Box'. Sie verzichteten vollkommen darauf, Aussagen darüber zu treffen, was die Psyche des Menschen ausmacht, weil ein solches Vorgehen ihrer grundsätzlichen Forderung nach ,objektiven' Meßdaten nicht gerecht würde [Watson, Pawlow u.a. leiteten ihre wissenschaftlichen Hypothesen in erster Linie aus der Untersuchung von Reflexen ab].

Dementsprechend wird das gesamte menschliche Verhalten einschließlich sämtlicher Handlungen von höherem Komplexitätsgrad als Sequenz einfacher Reiz-Reaktions-Verknüpfungen beschrieben. Im Behaviourismus wird also untersucht, inwieweit menschliches Verhalten auf den sog. Gewohnheitstendenzen [engl: habits] beruht. Was vor allem Lern- und Gedächtnistheoretiker in den Sechziger Jahren erforschten [Hall & Lindzey 1970, Bowers 1973], ist zugleich zentrales Theorem der buddhistischen Auffassung. Schwäche dieser Theorie ist eine Übervereinfachung, die hochkomplexe Vorgänge wie etwa Entwicklungsvorgänge im Kindes- und Jugendalter, Interaktionen zwischen vertrauten Menschen oder gar philosophische Auseinandersetzungen auf der Grundlage physiologischer Modelle erklären möchte, die hauptsächlich aus Experimenten mit Ratten und Hunden abgeleitet worden sind.

Die zeitgenössische Persönlichkeitspsychologie geht von auf verschiedene Weisen ermittelten faktorenanalytischen Modellen der Persönlichkeit [d.s. recht aufwendige statistische Verfahren] aus, die alle Persönlichkeitszüge bzw. menschliche Eigenschaften erfassen sollen, die vermeintlich vorrangig für das menschliche Erleben und Verhalten verantwortlich seien. Diese sog. ,Traits' [d.s. relativ breite und zeitlich stabile Dispositionen zu bestimmten Verhaltensweisen, die in den entsprechenden Situationen konsistent auftreten] sind von allgemeinerer Art als die zuvor dargestellten ,Habits', weil es sich bei ihnen nicht um fest konditionierte Responses, sondern eben lediglich um Handlungsbereitschaften [also Dispositionen] handelt; diese entziehen sich leider jeder direkten Beobachtbarkeit, sondern stellen gedanklich miteinander verbundene Sachverhalte und konstruierte Zusammenhänge [die sog. ,Konstrukte'] dar. Dieses Konzept weist eine hauptsächliche Schwäche auf: Verfechter faktorenanalytischer Konstruktionen tun sich schwer damit, einen verbindlichen ,Pool' [valide und reliabel] aussagekräftiger ,Traits' zu erstellen, nach dem sich das Verhalten unterschiedlicher Individuen sinnvoll einordnen und bewerten ließe.

Beide genannten Theoriegerüste haben meiner Meinung nach aus dem Grund, weil ihre Methode hauptsächlich das Experiment darstellt, mit der Schwierigkeit zu kämpfen, daß sich ihre Aussagen auf den Durchschnitt aller erfaßten Fälle beziehen, jedoch nur äußerst begrenzt dazu in der Lage sind, individuelle Abweichungen von ihrem Modell - und das ist nun einmal die Bewertung des Einzelfalles, also die Erklärung der Individualität, Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit des Individuums - zu erklären.

Das allgemeine Menschenbild der Psychoanalyse versteht den Menschen als von Triebimpulsen gesteuert, die aus seiner Libido [das Ausleben von Lust führe zu einer Verringerung der als unangenehm erlebten Triebspannung] und seinem Aggressionstrieb gespeist werden und durch die unterschiedlichen Instanzen der Persönlichkeit [das irrationale Es, das ausschließlich nach dem Lustprinzip funktioniert, das Ich, das durch die Wahrnehmung, durch Denken und Erinnern immer tiefere Schichten des Es unterwirft, und das Über-Ich, in dem sich das Gewissen, aber auch das Ich-Ideal manifestiert] und die Anforderungen der sozialen Umwelt in sozial erwünschtes und kulturell bedeutsames Verhalten umgewandelt werden [Sublimierung], ohne daß dem Träger des Verhaltens die diesem zugrundeliegenden Impulse und Mechanismen bewußt würden.

Freud hat hier eine deutliche Gegenposition zur Auffassung vom Menschen als vernunftgeleitetem Wesen eingenommen. Das bedeutendste Verdienst des psychoanalytischen Persönlichkeitsmodells für die Psychotherapie liegt nach buddhistischer Sicht in der Formulierung des Unbewußten, in dem alle psychischen Inhalte wie etwa Wünsche, Vorstellungen und Gefühle, aber auch Erinnerungsspuren an längst vergangene Erlebnisse latent lagern. Im Unbewußten sollen auch alle ,verdrängten' Impulse abelegt sein. Obwohl sich die dynamischen Konzeptionen der Psychoanalytiker zum Leidwesen ihrer Kritiker jeder wissenschaftlichen Überprüfung entziehen, konnten sie sich als anerkannte Pychotherapieform weitgehend etablieren.

Diese Ansätze zur Erklärung der menschlichen Persönlichkeit machen im Wesentlichen das Instrumentarium aus, auf das psychothearpeutisch Tätige zurückgreifen können, wenn sie ihre eigenen Verhaltensweisen sowie das Verhalten ihrer Klienten verstehen und einordnen wollen. So ist letztlich jeder Therapeut dazu aufgerufen, aus den zur Verfügung stehenden Theorien und aus seiner persönlichen Weltsicht und Lebenserfahrung ein Menschenbild zu konstruieren, das ihm die Einordnung gesunden und abweichenden Verhaltens und Erlebens [Psychodiagnostik] gestattet. Ich selbst hatte es jahrelang so gemacht wie meine Kollegen, indem ich den Erlebniskern oder dasjenige, womit man sich selbst identifiziert, während man bestimmte Erfahrungen durchläuft, einfach ,Psyche' genannt und alle Ideen, die ich über sie sammelte, in ein humanistisches Weltbild eingebunden hatte. Ein solches Vorgehen schien mir dem Gegenstand des ,Menschlichen', der für mich bei aller Wissenschaftlichkeit und Suche nach Objektivität und Erkenntnis doch immer etwas Besonderes geblieben war, noch am Ehesten angemessen.

Auf der Suche nach einem elaborierteren und therapeutisch relevanteren Menschenbild stieß ich Mitte der achtziger Jahre auf den sog. Tibetischen Buddhismus. Obwohl jeder Spiritualität oder gar Religiosität gründlich abgeneigt, geriet ich durch den Umstand, daß die Belehrungen über die Lehre des Buddha von Individuen weitergegeben werden, die selbst verkörpern und realisiert haben, worüber sie unterrichten, in dn Bannkreis dieser Tradition. So habe ich beispielsweise viele Belehrungen über Liebe und Mitgefühl von hoch verwirklichten Lehrern erhalten, die in ihrem eigenen Wesen den Wunsch, daß es allen Wesen gut gehen möge, und daß niemand Leiden erleben solle, in einer Tiefe und Aufrichtigkeit ausdrückten, daß durch sie selbst mein hartes Herz, das nur für rationale logische Erklärungen zugänglich war, erweicht wurde.

Ich traf aber auch auf hoch Verwirklichte, die durch dreißig oder vierzigjähriges Studium in einem äußerst beeindruckendem Maße Wissen über die Natur der Wirklichkeit angehäuft hatten. ,Belehrungen', wie mündlichen Kommentierungen zu den authentischen Lehren des Buddha traditionellerweise genannt werden, die von Meistern präsentiert werden, die in ihrer Meditation über sich selbst hinausgewachsen sind, sprachen nicht nur an der Oberfläche meinen Intellekt in einer sehr überzeugenden Weise direkt an, sondern hatten zudem eine Tiefenwirkung, die sich mit einem Computervirus vergleichen läßt: Ihre unmittelbare Vernunft und ihre logische Stimmigkeit - die sich mit nichts vergleichen läßt, was in unserer Kultur unter Wahrheit verstanden wird - nisteten sich in meine nach Erkenntnis hungernden tieferen Denkstrukturen ein und griffen von dort zunächst unmerklich auf alle anderen Denksysteme über, bis sich schließlich neue und umfassendere Überzeugungen bildeten, während mein früheres Verständnis und meine frühere Weltsicht zunehmend in den Hintergrund trat [ohne daß ich jedoch völlig den Zugriff auf sie verloren hätte]. Auch wenn der Vergleich mit einem Virus gefährliche Assoziationen zu wecken vermag, möchte ich betonen, daß man über einen solchen Prozeß zunehmender Verinnerlichung keineswegs untauglicher für das Leben und Arbeiten in einer modernen Industriegesellschaft wird, sondern im Gegenteil erst durch ihn dazu imstande wird, in unserer immer technischer und überfremdeter werdenden Gesellschaft gesund, stark und innerlich ganz werden und bleiben zu können.

Ich studierte nahezu zehn Jahre buddhistische Philosophie und Psychologe, wie sie vor zweitausendfünfhundert Jahren vom historischen Buddha gelehrt und seitdem in einer ungebrochenen Übertragungslinie bis heute weitergegeben worden sind. Meine Sprachstudien absolvierte ich vor allem am Marpa Institute for Translators in Kathmandu; seit Bestehen des Karmapa International Buddhist Institute studierte ich dort die Erkenntnistheorie und die Psychologie, wie sie im Tibetischen Buddhismus geehrt wird. Buddhistische Studien in der Mahayana-Tradition berufen sich nicht auf irgendwelche Glaubenssätze, sondern befassen sich ausschließlich mit der Organisation des Bewußtseins und der Verarbeitung von Erfahrungen. So spielt ein ausgefeiltes logisches System, dessen Grundstudium bereits viele Jahre in Anspruch nimmt, eine herausragende Rolle bei dem, was im ,Buddhismus' [d.i. - wie gesagt - keine Glaubensreligion, sondern die Lehre, die erklärt, wie die Phänomene auf der relativen und der absoluten Ebene der Wirklichkeit tatsächlich sind] ,Geist' bzw. ,Bewußtsein' genannt wird. Eben weil buddhistische Studien nicht darauf abzielen, der Unmenge von Theorien zu allen möglichen wissenschaftlichen Thematiken noch weitere zuzugesellen, sondern das grundsätzliche Verständnis über sämtliche Vorgänge des Lebens [d.s. alle inneren wie äußeren Prozesse] auf allen Abstraktionsebenen zu vertiefen, sind sie äußerst anspruchsvoll und zeitaufwendig. Aber auch gerade deshalb widersprechen sie keinesfalls den Erkenntnissen, wie sie an der Frontlinie der modernen Wissenschaften - etwa in der Physik kleinster Teilchen, der Medizin oder der Astronomie - gesammelt werden.

Was nun die Erläuterung des buddhistischen Verständnisses vom menschlichen Geist bzw. vom menschlichen Bewußtsein betrifft, so basiert jenes auf Erfahrungen, die grundsätzlich jeder nachvollziehen kann, der sich für einige Monate oder Jahre durch eine Reihe von kraftvollen Meditationen hindurcharbeitet. Das Gehirn wird im naturwissenschaftlichen Weltbild, wie es heute vor allem durch die Physiologie und die Biotechnologe vertreten wird, als ,Sitz der Seele' angesehen; in der buddhistischen Tradition gilt es jedoch keinesfalls als Substrat bzw. Erleber menschlicher oder tierischer Erfahrungen, sondern macht lediglich den Ort aus, an dem beispielsweise Schmerz [etwa als besonders intensiver taktiler Reiz] registriert und dem Erleber präsentiert wird. Das Gehirn wird also als eine Art Bio-Tuner aufgefaßt. Wie strukturiert und organisiert die einzelnen Erfahrungen des ,Erlebers' auch immer sein mögen - gleichgültig ob es sich dabei um physiologische Reize, um kurze Gefühle oder gar um das Verständnis komplexer Handlungsabfolgen handelt - grundsätzlich kommt dem Gehirn im Prozeß des Erafssens, Begreifens und Verstehens situativer Gegebenheiten und bestimmter Handlungsabläufe sowie bezüglich der Fülle von Entscheidungsprozessen, die regeln, in welcher Weise das Individuum auf sein soziales Umfeld reagiert, lediglich die Funktion zu, sämtliche ,Inputs' [Reize, Erfahrungen] umzuwandeln und dem erlebenden Individuum in einer Weise zu präsentieren, die sie ihm verständlich und erfahrbar machen. Das Gehirn ist dem buddhistischen Verständnis zufolge also nicht Sitz der Seele, der Persönlichkeit oder der einzigartigen Individuation des Menschen, sondern eben lediglich eine Art ,Bio-Empfänger'.

,Geist' bzw. ,Bewußtsein' wird der buddhistischen Sicht zufolge also nicht als Produkt neuronaler Prozesse oder in einer wie auch immer gearteten Weisen physisch verankert verstanden, sondern als die Fähigkeit - nicht des Organismus, sondern - eines ,fühlenden Wesens' [wie das Individuum tradtonellerweise genannt wird] angesehen, wahrzunehmen und verstehen zu können. Demzufolge möchte ich im folgenden die Instanz in allen Menschen, die sämtliche Erfahrungen wahrnimmt und erlebt, in weitestgehender Übereinstimmung mit heutigen Positionen der unterschiedlichsten Psychotherapien [nicht aber der experimentellen Psychologie, die den Anspruch zu erfüllen hat, den objektiven Kriterien der Wissenschaftlichkeit zu genügen, indem sie für reliable und valide Forschungsergebnisse zu sorgen hat] als den menschlichen Geist bzw. als Bewußtsein bezeichnen. Bewußtsein bzw. Geist hat kein physisches Korrelat und ist nicht an einer bestimmten Stelle des Körpers lokalisiert; Bewußtsein ist nur bedingt an einen physischen Körper gebunden [im Sterben löst es sich wieder von ihm und besteht weiter, wenn es auch anschließend dermaßen grundlegende und tiefgreifende Transformationen durchmacht, daß es dadurch die Verbindung mit der Persönlichkeit oder dem Ich der vorigen Existenz wieder weitestgehend verliert]; Bewußtsein ist von rein geistiger Qualität! Es ist diejenige Komponente des individuellen Bewußtseinsstroms, die zusätzlich zum Vorhandensein einer konzeptionsbereiten weiblichen Eizelle und eines intakten männlichen Samenfadens gegeben sein muß, damit ein neues Leben entstehen kann. Sollten nur die beiden physischen Bedingungen [Ei und Samenfaden] zusammenkommen, kann keine Konzeption [also keine ,Empfängnis' des Lebens!] zustandekommen.

Bewußtsein setzt sich aus mikroskopisch kurzen einzelnen Bewußtseinsmomenten zusammen, von denen nach den Lehren des Abhidharma dreihundertundsechzig in eine einzige Sekunde passen. Bewußtsein gelangt nicht aus dem Nichts heraus grundlos zur Existenz, sondern hat als auslösende primäre Ursache einen ähnlichen Moment von Bewußtheit zur Voraussetzung. Ohne daß direkt vorher ein individueller Bewußtseismoment erfahren worden wäre, ist ein darauffolgender Bewußtseinsmoment auf keinen Fall denkbar! Diese Feststellung ist von außerordentlich zentraler Bedeutung; sie besteht alle nur erdenklichen logischen Überprüfungen [sie wurde im Laufe der Religionsgeschichte immer wieder - wenn auch nie erfolgreich - von herausragenden Vertretern anderer konkurrierender Religionen auf dem indischen Subkontinent angegriffen]; aus ihr folgert zwingend, daß individuelles Bewußtsein weder zu dem Zeitpunkt entstehen kann, an dem ein ,neues' Lebewesen empfangen wird, seine fötale Entwicklung durchläuft oder gar geboren wird, noch daß das individuelle Bewußtsein mit dem Körper zugrundegehen kann, in dem er zu Lebzeiten verankert war. Bewußtsein ist insofern zeitlos, als es [wie auch der historische Buddha immer wieder betont hat] seit anfangslosen Zeiten besteht und bis in endlose Zukunften weiterbestehen wird - wenn auch nicht als ein uns allen gemeinsamer großer Geist oder höheres Selbst oder das Göttliche, das uns allen innewohnen würde, wie es beispielsweise der ,Atman'-Vorstellung der meisten hinduistischen Religionen entspräche, sondern als unzählige aufeinanderfolgende einzelne Ströme individuellen Bewußtseins, in denen die karmischen Spuren vergangener Handlungen unaufhörlich lagern, um irgendwann einmal erneut ,reif' zu werden und den vormals Handelnden quasi mit einem Negativ seiner früheren Handlungen zu konfrontieren.

Diese üblicherweise ,Karma' genannten reif werdenden Umstände bzw. diese Ursache-Wirkungs-Relation kann der Erleber - also der vormals [auch im gleichen Leben] Handelnde - nur dadurch außer Kraft setzen, indem er entweder der Versuchung widersteht, die Vielfalt der Situationen und situativen Aspekte gemäß der in seinem Unterbewußtsein gespeicherten Gewohnheitstendenzen zu erfahren und auf sie zu re-agieren, um dadurch vermeintlichen Schwierigkeiten seiner Lage zu entrinnen, oder indem er gar eine Umdeutung der ganzen Situation in der Weise vorzunehmen vermag, daß er versteht, daß alle Wesen - also nicht nur man selbst, sondern auch die anderen, die einem gerade das Leben schwer machen - immer Glück erleben und Leid vermeiden wollen. Dadurch begreift der Betroffene das Entstehen der gerade belastenden Situation als ,Reinigung' und versucht, keine negativen Gefühle wie Neid, Eifersucht und Zorn aufkommen zu lassen, weil er das Zustandekommen der Situation in dieser Form einfach nicht akzeptieren will, sondern er mobilisiert seine ganze Kraft, um seine Gefühlslage immer ausgeglichen [,gleichmütig', d.h. jeder Situation mit einer gleichbleibenden Ruhe und Ausgeglichenheit zu begegnen] zu halten und sich stattdessen so klug und effizient wie möglich zu verhalten. Sollte man bereits von negativen Emotionen vereinnahmt sein, dann gilt es zu üben, sich nicht mit dem Erleber dieser störenden Gefühle zu identifizieren, damit sie nach und nach immer schwächer werden können, bis sie schließlich gar nicht mehr auftauchen.

Wenn man auf diese Weise eine Sicht kultiviert hat, die auf Altruismus und Mitgefühl basiert, dann trachtet man in erster Linie danach, sich zu jeder bietenden Gelegenheit darin zu trainieren, sich selbst und alle anderen beteiligten Personen sowie alle Erlebnisse, die einem widerfahren, als so rein wie nur irgend möglich zu erleben. Gleichzeitig übt man sich darin, die sich einem immer noch aufdrängenden egozentrischen Verhaltensmuster zunehmend zu vermeiden, da es einem immer seltener gelingt, um des eigenen momentanen Vorteiles willen Nachteile, Schädigungen und Leid für andere Wesen in Kauf zu nehmen - denn man versteht in zunehmendem Maße, daß man dadurch langfristig eigenes Leiden [und eine weitere Abnahme der persönlichen Einsicht in die relative Natur der Dinge, weshalb man sich anschließend noch negativer verhält, ohne die negativen Konsequenzen dieses Verhaltens für andere und sich selbst noch in irgendeiner Weise zu überschauen] bewirkt. Im buddhistischen System bemüht man sich also, an die Stelle egozentrischer Verhaltensweisen, die sich einem immer noch aufdrängen, positives [d.h. für andere und einen selbst nützliches] Verhalten an den Tag zu legen, wodurch man entsprechende positive Gewohnheitstendenzen im eigenen Bewußtseinsstrom verankert; dadurch biegt man die Spirale seiner neurotischen, ichbezogenen Sicht der Dinge - die nur noch kurzsichtigere, andere noch mehr schädigende Handlungen provozieren würde - langsam von sich selbst weg. So und nicht anders wird man im Lauf der Jahre seiner eigenen Neurosen Herr!

Bewußtsein untergliedert sich in verschiedene Instanzen. Da gibt es zunächst die fünf Sinnesbewußtseine, die alternierend die kürzeste Sekundenbruchteile in Anspruch nehmenden Wahrnehmungen mittels der fünf Sinne - ob diese nun vom weitaus trägeren Verstand bemerkt und willkürlich weiterverarbeitet werden oder nicht; darüberhinaus gibt es die gefühlshaften Sedimente vergangener Erfahrungen, die den Erlebnis- und Handlungsspielraum festlegen und einengen; und schließlich gibt es eine Instanz, die man noch am Ehesten mit dem Begriff des Unterbewußtseins freudianischer Prägung vergleichen kann. Der entsprechende Begriff lautet im Sanskrit ,Alaya', was man heute meist als ,Basisbewußtsein' übersetzt. Gemeint ist damit folgendes: Ein jeder Eindruck, der dadurch hervorgerufen wird, daß das Individuum sich Moment für Moment veränderten Bedingungen aisgesetzt sieht, hat eine äußere situative Komponente, die das Individuum durch die fünf Sinne so realitätsnah und effektiv wie möglich zu erfassen versucht [was ihm aufgrund der Vielzahl sich verändernder Parameter und der Geschwindigkeit, in der diese Veränderungen sich vollziehen, jedoch nur sehr rudimentär gelingen kann], sowie eine innere Komponente, womit die gedankliche Deutung und anschließende Bewertung der erfaßten Parameter der sich momentan aus spezifischen Veränderungen hervorgehenden Situation gemeint sind.

Ein äußerer Reiz, der eine Veränderung in der Außenwelt widerspiegelt, wird also mittels der fünf Sinne ,abgetastet', während nach jedem dieser winzigen Wahrnehmungssegmente eine unwillkürliche und zumeist unbewußte gedankliche und gefühlsmäßige Auffassung und Einordnung geschieht. Diese Einordnungen werden in jedem Fall durch einen Vergleich mit allen vorangegangenen Erfahrungen zur gleichen Thematik getroffen, weil der Geist so arbeitet, daß er allem Geschehen eine Bedeutung verleiht, indem er die unterscheidenden Merkmale zu bereits gemachten Erfahrungen ermittelt. Deshalb werden bedauerlicherweise mit zunehmendem Alter selbst ziemlich komplexe Situationen nicht mehr als frisch und neu wahrgenommen, weil sie - wenn auch meist unbewußt - mit immer mehr bereits durchlebten Erfahrungen verglichen werden, wodurch die Frische des eigentlichen Erlebnisses immer mehr verblaßt. Anschließend jedenfalls provozieren alle auf diese Weise gemachten und erfaßten Erfahrungen in dem Augenblick, in dem sie in den Fokus der Aufmerkamkeit rücken [also bewußt werden], eine Reaktion; das Individuum antwortet auf Veränderungen in seiner Umwelt, indem es unausgesetzt danach trachtet, auf diese in einer Weise Einfluß zu nehmen, die ihm persönlich [also vor dem Hintergrund all seiner bisher gemachten Erfahrungen] als die erfolgversprechendste, nützlichste und vorteilhafteste erscheint. Einem Individuum, dessen Einsicht in die Natur der Dinge nur sehr oberflächlich ist, wird nicht davor zurückschrecken, einen Vorteil für sich herauszuschlagen, indem es andere Wesen schädigt oder zumindestens ihre Schädigung in Kauf nimmt.

Nachdem es also in dieser Weise gehandelt hat, ,fallen' diese Reaktionen wieder in sein Unterbewußtsein - genauer: das Basisbewußtsein - zurück, wo sie quasi als Negativabdruck seiner Handlung so lange lagern, bis erneut alle erforderlichen Ursachen und sekundären Bedingungen zusammenkommen, die automatisch ihre erneute Aktivierung bewirken [gleichgültig ob die Verweildauer im Baisbewußtsein nur wenige Tage oder Stunden - ,Kleine Sünden straft der Liebe Gott sofort' - oder viele Lebenszeiten beträgt]. Wenn sich dieser Negativabdruck erneut ins Bewußtsein spült, wird man allerdings nun zum Opfer genau derjenigen Handlungen, die man während endloser Lebenszeiten zuvor anderen Wesen gegenüber ausgeübt hat - seien diese nun positiv [d.h. dem eigenen geistigen Wachstum sowie dem Wohl anderer Wesen förderlich] oder negativ, indem sie auf Kosten von Schaden, Verletzungen und Leid anderer Wesen kurzfristig einen eigenen Vorteil bewirken. Aus dem Basisbewußtsein heraus gelangen also - je nach zugrundegelegter philosophischer Tradition - zumindestens die subjektiven Parameter, die bestimmen, wie das Individuum die Veränderungen seiner Umwelt wahrnimmt und bewertet, sowie die sog. ,Gewohnheitstendenzen' bzw. Handlungsdispositionen, die sich ihm ins Bewußtsein drängen, ihm deshalb auch natürlich erscheinen und ihm so nahelegen, wie auf diese veränderten Umstände zu reagieren sei; bestimmte philosophische Traditionen wie beispielsweise der Cittamatra behaupten schließlich auch, daß selbst die anscheinend äußeren Objekte und Gegebenheiten ,nur Geist' (skrt: Cittamatra) seien.

Bewußtsein bzw. Bewußtheit ist in seiner letztendlichen Natur ,Leerheit' - d.h. der Geist bzw. die grundsätzliche Fähigkeit von Wesen, erleben und verstehen zu können, weist keine eigenständige, aus sich selbst heraus zum Entstehen gelangte Existenz auf. Zwar existieren die individuellen Bewußtseinsströme seit anfangslosen Lebenszeiten [und in jedem Wesen ticken demgemäß unendlich viele ,Zeitbomben' negativer karmischer Taten aus unendlichen Lebenszeiten], auch wenn sie von Leben zu Leben solch grundlegende und tiefgreifende Transformationen durchmachen, daß es nicht gerechtfertigt ist, von der darauffolgenden Verkörperung vom selben Wesen in einem anderen Körper zu sprechen, wie in der heutigen Trivial-Esoterik, die Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten spirituellen Traditionen sehr oberflächlich und fahrlässig miteinander vermischt; richtig ist vielmehr: Im Unterbewußtsein lagern sämtliche Handlungen aus anfangslosen Lebenszeiten in einer ungeordneten [d.h. nicht miteinander vermischten] Weise.

Von Moment zu Moment werden Eindrücke aus den unterschiedlichsten Lebenszeiten deshalb reif, weil sie durch die zum gleichen Zeitpunkt manifest gewordenen primären Ursachen und sekundären Bedingungen geweckt bzw. hervorgerufen werden. Eine Psychotherapie, die nicht in erster Linie auf die Heilung krankhaften bzw. psychotischen seelischen Geschehens, sondern auf eine Klärung und Reinigung der Eindrücke aus dem Unterbewußtsein abzielt, wird demzufolge in der gegenwärtigen wie in allen zukünftigen Existenzen zwingend eine Verringerung der Kraft und Häufigkeit neurotischer Bewußtseinszustände und Lebensumstände zur Folge haben. Wendet man also die überaus starken Methoden an, die vereinfachend unter der Sammelbezeichnung ,Reflektion und Meditation' zusammengefaßt werden könnten, dann wird man dadurch zunächst zufriedener und gefaßter, später sogar froh und durch das eigene Leben erfüllt, ohne daß es dazu bestimmter förderlicher äußerer Bedingungen wie beispielsweise Konsum oder situativer Abwechslung [die, wenn sie unprovoziert eintreten, durchaus willkommen sind] bedürfte, und schließlich - wenn man lange Zeit hindurch tiefe Erfahrungen mit dem eigenen durch Reflektion weitreichender philosophischer Inhalte gereiften Intellekt sowie dem eigenen in Meditation befindlichen Bewußtsein bzw. Geist gesammelt hat - sogar glücklich und weise.

Doch schon nachdem man sich nur kurze Zeit ernstlich mit der Reflektion buddhistischer Inhalte sowie dem Meditieren buddhistischer Methoden befaßt hat, finden grundlegende Veränderungen des eigenen Geistes statt; diese Veränderungen sind weder frömmelnde Einbildungen noch irgendwie ungesunde Schnitte oder Brüche in der eigenen psychischen Entwicklung, indem beispielsweise im persönlichen kognitiven System bestimmte Überzeugungen, Erkenntnisse und Vorstellungen durch ihnen diametral entgegengesetzte Ideen und geistige Inhalte ausgetauscht und ersetzt würden, was einen Prozeß der Leugnung oder der Verdrängung psychischer Eindrücke beinhalten würde; stattdessen wird dadurch eine Vertiefung der bereits gemachten Erfahrungen und Erkenntnisse bewirkt, in deren Verlauf man alle bisherigen psychischen Entwicklungen, all seine Wünsche und seine ganze Persönlichkeit miteinbezieht. Dies ist so, weil man sich auf einen Weg in sich selbst hinein begeben hat, der auf nichts anderem als dem eigenen Verständnis, auf Erkennen und Begreifen fußt. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, daß der historische Buddha seine Schüler wiederholt und ausdrücklich zum Zweifel und zur kritischen Überprüfung seiner Lehren und niemals zum blinden Glauben und zur unreflektierten Gefolgschaft aufgefordert hat.

Da die Meditationen lediglich die Methode [man könnte vielleicht sagen: die äußere Form] darstellen, sind die Ergebnisse der eigenen Meditationen auch nicht vorgezeichnet, sondern individuell unterschiedlich! Jeder setzt seine eigenen innerlichen Schwerpunkte, jeder entwickelt sich zu seinen eigenen Zielen und Überzeugungen hin, und jeder ist dazu aufgerufen, sich insbesondere auf dem inneren Weg, der einen jeden Moment mit seinen persönlichen Erkenntnissen und Wahrheiten konfrontiert und so zwingt, diese erneut zu überdenken und gegebenenfalls neu anzupassen, treu zu bleiben. Erst recht gilt dies für die eigentlichen Meditationen, in denen der Praktizierende in den averbalen Raum vorstößt, indem er entdeckt und zunehmend realisiert, daß Erkenntnisse tatsächlich nicht nur nicht an Worte und Begriffe gebunden sind [sich also irgendwie innerlich oder äusserlich formulieren ließen], sondern überhaupt nur dann und solange möglich sind, als jeder Verbalisierungsprozeß zur Ruhe gekommen ist.

Bei allen individuell unterschiedlichen Persönlichkeiten jedoch geht mit all diesen weitgreifenden Veränderungen eine Zunahme an Mitgefühl für andere Wesen, an Furchtlosigkeit und das Erlangen eines sich immer weiter vertiefenden Wissens um die Natur der Phänomene [zumeist ,Weisheit' genannt] einher. Dennoch ist Bewußtsein an sich wie Klares Licht - es ist ohne Eigensubstanz, es kann alles durchdringen und erfassen, und es hat die Fähigkeit zu verstehen. Gleichzeitig kann aus ihm heraus alles entstehen. Erfahren kann dies jedoch nur derjenige, der die Methoden der buddhistischen Meditation in einer außerordentlich konsequenten Weise über einen langen Zeitraum hin anwendet - der also für eine gewisse Zeit Erkenntnis und persönliches Wachstum zu seiner Lebensaufgabe macht. Glücklicherweise gibt es im Tibetischen Buddhismus immer noch - wenn auch nur einige wenige dieser - äußerst gelehrten und hochverwirklichten Meister, deren Beispiel, ja deren bloße Anwesenheit jedermann zutiefst bewegt und einen so ermutigt, sich auf einen Weg zu begeben, der dermaßen grundlegende Veränderungen und Erweiterungen der eigenen Persönlichkeit mit sich bringt.

Ein weiterer fundamentaler Grundsatz buddhistischer Philosophie beschreibt das Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Demzufolge setzen sich sämtliche materiellen Objekte aus kleinsten Partikeln [den Atomen und deren Bestandteilen] zusammen, während sich nicht-materielle zusammengesetzte Phänomene wie beispielsweise das wahrnehmende Bewußtsein aus einer Kontinuität ihres zeitlichen Ablaufes zusammensetzen. Ob äußerliche oder innerliche Phänomene, sämtlich entstehen sie in Abhängigkeit von für sie ganz spezifischen Ursachen und Bedingungen, und selbst ihr Vergehen und anschließendes Beendetsein hängt vom Erschöpft-Sein der Ursachen und Bedingungen, die für ihre Entstehung sorgten, ab. Aus diesem Grund besitzen weder innere noch äußere Phänomene - welche immer dies auch seien - eine ihnen innewohnende Eigenexistenz, d.h. gelangen nicht aus sich selbst heraus zur Existenz und existieren deshalb nicht in einem absoluten Sinne, sondern sie existieren lediglich auf der Ebene der relativen Wirklichkeit, also lediglich für eine gewisse Zeit und eben in Abhängigkeit von ihren jeweiligen spezifischen Ursachen und Bedingungen. Zwar neigen wir zumindestens bezüglich unserer selbst dazu, uns als ,Erleber' der verschiedensten Situationen in einer naiven Weise als zeitlos, dauerhaft, unvergänglich und ewig anzusehen; ja die meisten gebildeten Personen der westlichen Welt würden gegenwärtig keine Trennung zwischen der relativen und der absoluten Ebene der Wirklichkeit vornehmen, sondern selbst die äußerlichen Phänomene, die sie mit ihren Sinnen wahrnehmen, als ,tatsäch-lich' vorhanden [also als zeitlos und dauerhaft] ansehen, auch wenn bereits die oberflächliche Überlegung offenbaren würde, daß sie sämtlich zum Gegenstand von Veränderung, Auflösung und Vergehen werden müssen [ja daß sie Millisekunde für Millisekunde der Desintegration anheimfallen].

In der buddhistischen Sichtweise finden alle Phänomene und Ereignisse, die nur für eine gewisse Zeit lang Bestand haben, auf der relativen Ebene der Wirklichkeit statt - wohl können sich viele verschiedene Individuen darauf verständigen, daß sie gerade mehr oder weniger dasselbe erleben, wenn sie sich mit bestimmten Phänomenen konfrontiert sehen; dennoch kann die Wahrnehmung und Erfahrung dieser Ereignisse und Phänomene nicht objektiv erfahren werden und muß insofern trügerisch und illusionär sein. Individuen, die sich beispielsweise mit der Bedeutung des vorliegenden Artikels befassen, zeichnen ja nicht die tatsächliche, objektive Bedeutung seiner Worte und Sätze nach; vielmehr entsteht durch diesen Artikel im Verständnis verschiedener Leser eine Unzahl bedeutungsmäßiger Anklänge, die mindestens ebensoviel mit deren persönlicher erlebnismäßiger wie semantischer Vorerfahrung zu tun haben als mit der Bedeutung der Aussagen, so wie der Autor sie verstanden wissen will.

In diesem Zusammenhang sei mit allem Nachdruck darauf hingewiesen, daß kein Lebewesen mit irgendeinem anderen Lebewesen in irgendeiner Hinsicht einen Aspekt objektiver Wirklichkeit teilt; alle Facetten der äußeren wie der innerlichen Wirklichkeit werden vollkommen individuell bzw. eigentümlich und unverwechselbar wahrgenommen und erlebt. Unsere Erfahrungen der vermeintlich für sämtliche Wesen identischen äußeren Welt [beispielsweise des äußeren Raumes sowie sämtlicher Ereignisse, die jemals in ihm stattfanden, gerade in ihm stattfinden oder irgendwann einmal in ihm stattfinden werden; innerhalb dieses Raums hat niemand jemals denselben Gedanken gedacht, denselben Geruch gerochen, dasselbe Szenario visuell erfaßt oder dieselben taktilen Reize gespürt und erst recht nicht dasselbe gehört und auf dieses Gehörte hin dasselbe Verständnis entwickelt wie irgendein anderes Wesen], unsere Vernetzung untereinander, die vermeintlich mit einer verbindlichen Wirklichkeit geschehe, ist gemäß der buddhistischen Sichtweise sehr viel lockerer, als das im Westen richtungweisende naturwissenschaftlich orientierte Verständnis nahelegt. Die Ebene der relativen Wirklichkeit bzw. der Subjektivität erstreckt sich demgemäß sehr viel weiter, als wir uns das träumen lassen: Nicht nur die individuelle Wahrnehmung und Bewertung sämtlicher Situationen, die von mehreren Individuen geteilt werden, ist subjektiv [und damit grund-sätzlich eigentümlich und vollkommen unvergleichbar], sondern darüberhinaus sind auch die wahrgenommenen Objekte der scheinbar gemeinsamen Umwelt - seien dies belebte oder unbelebte Objekte, seien es einzelne Objekte oder komplexe Situationen und ganze ,Umwelten', die von einzelnen, mehreren oder vielen Individuen scheinbar gemeinsam und identisch erlebt werden - nicht objektiv [d.h. unabhängig vom jeweiligen Beobachter] existent und deshalb subjektiv, da der jeweils erfahrene Ausschnitt der ,äußerlichen' Wirklichkeit in keiner Hinsicht mit der Wahrnehmung anderer an der gleichen Situation Beteiligter übereinstimmt [natürlich können sich mehrere Wahrnehmer darauf verständigen, daß ein Wahrnehmungsobjekt beispielsweise die Farbe ,Grau' besitzt; Unstimmigkeiten kommen erst dann auf, wenn diskutiert wird, welche Helligkeit, Schattierung oder Anteile anderer Farben dieses ,Grau' charakterisieren. Darüberhinaus nimmt jeder Wahrnehmer das betrachtete Objekt aus einem unterschiedlichen Blickwinkel aus wahr, so daß auch das Licht, das auf dieses Objekt fällt und ihm seine charakteristische Färbung verleiht, unterschiedlich ist. Selbstredend werden die Unstimmigkeiten zwischen verschiedenen Wahrnehmern umso gravierender, je komplexer die zu bewertenden Szenarios bis hin zu ganzen Situationen sind].

Daraus schlußfolgert zwingend, daß Individuen keine gemeinsamen Situationen teilen, selbst wenn sie auf der relativen Ebene der Wirklichkeit gemeinsam eine Situation durchleben, sondern jedes Individuum treibt ununterbrochen im Universum seiner eigenen Erfahrungen, die es auf der Grundlage seiner bisherigen Erfahrungen deutet und interpretiert, umher. Selbst die lockeren Berührungen und Interaktionen, die dadurch zustandekommen, daß mehrere Individuen die gleiche Straße entlanggehen oder am gleichen Gespräch teilnehmen, bleiben vom Wahrnehmungsaspekt wie vom Objekt-Aspekt [die charakteristischen Merkmale dieser ,Straße' für die beteiligten Individuen] dermaßen individuell und unterschiedlich, daß man mit Fug und Recht behaupten kann, daß auf der relativen Ebene der Wirklichkeit letztlich die individuellen Gewohnheitstendenzen, die durch vorangegangene Handlungen zustandegekommen sind, steuern, welche Welten die individuellen Bewußtseinsströme Moment für Moment entstehen lassen, weil innen wie außen entsprechende Ursachen und sekundäre Bedingungen zusammengekommen sind. Noch plakativer formuliert: Es scheint in einem absoluten Sinne eher so zu sein, als ob sich sogar die uns umgebende Welt aus unseren jeweiligen individuellen Bewußtseinsströmen [bzw. den individuellen Unterbewußtseinen] heraus manifestierte, als daß sie gemäß der uns vertrauten Sichtweise unabhängig vom wahrnehmenden und erfahrenden Individuum in einem objektiven Sinne für alle Beteiligten identisch [und dauerhaft] existierte. In diesem Zusammenhang sei der folgende dem Zen-Buddhismus entlehnte Koan zitiert: ,In einem Wald weit weg von hier bricht ein morscher Ast von einem Baum und fällt zu Boden; wenn niemand anwesend ist, um dieses Ereignis wahrzunehmen, erzeugt dann das Abbrechen des morschen Astes und sein Aufschlag auf dem Boden ein Geräusch oder nicht?' Wenn man diese Frage nicht voreilig beantwortet, sondern sie stattdessen einige Zeit lang konsequent prüft, wird man zu einigen erstaunlichen Erkenntnissen gelangen.

Da im buddhistischen Verständnis von der Wirklichkeit der Phänomene Geist und Materie - relativ gesehen - zwei vollkommen unterschiedliche Qualitäten sind, kann auf keinen Fall etwas Materielles wie beispielsweise ein physischer Körper Geist bzw. Bewußtsein hervorbringen oder erzeugen; ebensowenig kann Materie eine Manifestation des sie wahrnehmenden Geistes sein. Vielmehr verhält es sich so, daß Materie und Geist bzw. physischer Körper und Bewußtsein durch das Gesetz von Ursache und Wirkung [auch ,Karma-Gesetz' genannt] zusammengeschmolzen sind: Alles, was für ein bestimmtes Individuum gerade in diesem Moment [und natürlich auch in allen Momenten davor und danach] Gestalt annimmt, für eine gewisse Zeit [scheinbar statisch] bestehen bleibt [solange eben die entsprechenden Ursachen und sekundären Bedingungen wirksam bleiben] und dann wieder vergeht, geschieht als ,Folge der vorangegangenen Taten und Handlungen' (skrt: Karma; tib: las), die jenes Individuum irgendwann zuvor während anfangsloser Lebenszeiten mit Körper, Rede und Geist [bzw. Motivation] begangen hat. Gemäß einer buddhistischen Auffassung, die die Abhängigkeit gegenwärtiger Ereignisse von vorherigen Handlungen untersucht, schleift jedes Individuum einen endlos weit in die Vergangenheit zurückreichenden ,Rattenschwanz' einzigartiger ,karmischer' [zeitgemäßer müßte man formulieren: im Unbewußtsein gespeicherter] psychischer Eindrücke hinter sich her, die sich als Gewohnheitstendenzen bzw. als entsprechende Prädispositionen verdichten und auf der relativen Ebene der Wirklichkeit dafür verantwortlich sind, daß sich Moment für Moment gemäß bestimmter Ursachen und sekundärer Bedingungen die entsprechenden Stimuli bis hin zu komplexen Reizmustern [die sog. Situationen] ins Bewußtsein des betreffenden Individuums spülen.

Diese [belebten wie unbelebten] Wahrnehmungsobjekte, situativen Parameter und deren Veränderungen in der Zeit [die Ereignisse] sind teilweise angenehm und wünschenswert, zum größten Teil in einem Maße , neutral, daß sie nicht einmal die Aufmerksamkeitsschwelle durchbrechen, und teilweise f unangenehm und physisch oder psychisch schmerzhaft. Wenn man sich konsequent mit dieser Sichtweise auseinandersetzt, lernt man mit der Zeit den Einfluß der damit verknüpften hauptsächlichen Störgefühle der Begierde, Anhaftung, Leidenschaft und Lust, der , Gleichgültigkeit, Ignoranz, geistigen Dumpfheit und Trägheit bzw. der Dummheit und der f Wut, Abneigung, Haß, Zorn, Ekel oder Aggressivität [die diesen drei Kategorien zugeordneten störenden Gefühle sind synonym und kennzeichnen keine unterschiedlichen Gefühlsqualitäten] sowie von Neid und Eifersucht, Geiz und Stolz immer mehr und besser zu kontrollieren. Damit erschöpfen sich auch die sie begleitenden Gedankenmuster [die sog. Mentalfaktoren] immer mehr. So verändert sich mit der Zeit die Wahrnehmung von den äußeren wie von den inneren Ereignissen immer rasanter, und schließlich spülen sich zunächst mildere, dann immer positivere und angenehmere Eindrücke in den Fokus des Bewußtseins des wahrnehmenden Individuums. Parallel dazu vertieft sich sein Verständnis des Umstandes, daß die Existenz der Phänomene und Ereignisse, die einem bislang als dermaßen verbindlich und zwingend wirklich erschienen, so starr, absolut und dauerhaft gar nicht sein kann. Endlich von einer übermäßig eingeengten und fehlerhaften Sichtweise von der Wirklichkeit befreit, sieht man sich nun in der Lage, mit den gegebenen Umständen sehr viel flexibler und einfallsreicher umzugehen, als dies zuvor gelingen konnte.

Nun sei noch kurz angerissen, in welcher Weise ,die Lehre, die erklärt, wie die Dinge sind (skrt: Dharma; tib: chos)', die Entstehung der äußeren Welt aus den aus individuellen Unterbewußtseinen hervorsprudelnden Eindrücken erklärt. Die materiellen Phänomene einschließlich des menschlichen Körpers bestehen aus den fünf äußeren Elementen [solide Materie, flüssige Materie, Hitze (Verdauung, Veränderung), Luft (Bewegungsenergie) und Raum], während die inneren bewußtseinsmäßigen Phänomene aus den entsprechenden inneren Elementen heraus subtil Gestalt annehmen. Im Kalachakra-Tantra beispielsweise wird das Element des Raums nicht als völlige Leerheit bzw. das Fehlen jeglicher Charakteristika, sondern als angefüllt mit leeren Partikeln gekennzeichnet. Diese leeren Partikel dienen als Grundlage für das Zustandekommen und die Auflösung der anderen vier Elemente. Aus diesem Raum der leeren Partikel heraus gelangen also die Phänomene in der Reihenfolge

  1. Raum - leere Partikel
  2. sehr feine Luft [Bewegung],
  3. Hitze,
  4. Flüssiges
  5. und schließlich Erstarrtes Festes zur Existenz,

während sich ihre Auflösung in umgekehrter Reihenfolge vollzieht. In diesem Zusammenhang ist die These vom ,Urknall' einer kritischen Überprüfung zu unterziehen: Im Gegensatz zur Annahme der modernen Teilchenphysik vom singulären Urknall, der als Initialzündung alle Phänomene überhaupt - also die Zeit und sämtliche in der Zeit geschehenden Prozesse und Manifestationen - geschaffen habe, geht die buddhistische Sichtweise von der Existenz der äußeren Welt davon aus, daß das Universum tatsächlich grenzenlos ist und daß sich in ihm permanent neue Räume schier endloser Ausdehnung [die man als kleine ,Urknalle' auffassen könnte] bilden, in denen quasi aus dem Nichts heraus nahezu unendlich schwere Massen und ganze Galaxien und neue Universen entstehen. Die inneren fünf Elemente werden durch karmische Vorgänge beeinflußt. Weiterführende Erklärungen zu diesem Themenkreis gehören zu den geheimen sog. tantrischen Belehrungen und können nur vom hochverwirklichten Meister auf den Schüler übertragen werden.

Wem sich bislang der Eindruck aufdrängte, diese Ausführungen entsprächen doch nicht den tatsächlichen Gegebenheiten, sondern stellten lediglich eine weitere Möglichkeit dar, sich und die Welt zu begreifen, so kann ich nur erwidern: Die hier kurz vorgestellte Sichtweise über das Wesen des Geistes und der äußeren Phänomene stellen nur einen verschwindenden Bruchteil der überaus konzisen Belehrungen des historischen Buddha dar, die nicht im Mindesten einem modernen wissenschaftlichen Verständnis widersprechen - solange ihr Inhalt nicht aus dem Kontext gerissen oder mit anderen erkenntnistheoretischen Aussagen vermischt wird. Bezüglich aller hier gemachter Aussagen gilt das Gleiche wie für alle Belehrungen des historischen Buddha: Alle buddhistischen Lehren lassen sich lediglich im Laboratorium des eigenen Geistes - und nur da - d.h. in einem Geisteszustand, der verglichen mit dem gewöhnlichen Alltagsbewußtsein außerordentlich fein und subtil ist [mittlerweile allgemeinverbindlich ,Meditation' genannt] überprüfen und der eigenen Erfahrung zugänglich machen. Innerhalb der buddhistischen Lehre [die ja nicht der Verehrung des Buddha dient, sondern die sie Praktizierenden in einen Zustand versetzt, der realisiert, wie die Dinge wirklich sind] soll ausdrücklich nichts geglaubt werden, sondern vielmehr sollen alle Belehrungen einer kritischen Überprüfung unterzogen werden. Der Buddha selbst hat seine Schüler immer wieder aufgefordert, ihm nichts blind zu glauben, sondern alle seine Lehren anzuzweifeln und zu überprüfen. Um dies bis in geistige Räume hinein, die weit jenseits des Intellekts führen [ohne ihm im Mindesten zu widersprechen oder ihm nicht zugänglich zu sein], bewerkstelligen zu können, muß man bestimmte Methoden anwenden, die einem eine solche kritische Überprüfung auch tatsächlich gestatten. Theoretische Belehrungen und Praxisanweisungen von hochverwirklichten Gelehrten und Meditationsmeistern, die in der bis zum historischen Buddha Shakyamuni zurückführenden Überlieferungslinie stehen müssen erlauben es den traditionellerweise ,Schüler' genannten Praktizierenden, durch viel Disziplin und jahrzehntelange harte Arbeit zu bestimmten Einsichten und Erfahrungen - die ihre jeweiligen Lehrer zuvor gemacht haben - zu gelangen, die das gewöhnliche Alltagsbewußtsein mit all seinen Beschränkungen ,transzendieren'.

Zum Schluß dieser Ausführungen möchte ich noch einen kurzen Ausblick geben, wie ich mir eine gegenseitige Befruchtung von Psychologe - insbesondere Psychotherapie - einerseits und Buddhismus andererseits vorstelle: Jahrelang war es mein Traum, die im Buddhismus vertretene Sichtweise von der Struktur der Persönlichkeit des Menschen einer experimentellen Überprüfung zugänglich zu machen. Dieses buddhistische Modell beruft sich auf ein komplexes Muster von Persönlichkeitsmerkmalen [den primären und sekundären störenden Gefühlen sowie den sie begleitenden gedanklichen Interpretationsmustern], für die sich eine faktorenanalytische Auswertung regelrecht anbietet. Außerdem liegt der Nutzen für die psychotherapeutische Arbeit auf der Hand: Anerkannte psychotherapeutische Verfahren könnten auf dem Fundament eines buddhistischen Verständnisses vom Zustandekommen und der Ausgestaltung psychischer Störungen zu Lösungsansätzen ausgearbeitet werden, die nicht kurzfristig, sondern mittel- und langdristig orientiert sind; da sie der tatsächlichen Organisation des menschlichen Bewußtseins sehr viel mehr [ja geradezu in einer idealen Art und Weise] gerecht werden als bisherige Störungsmodelle, wäre aus buddhistischer Sicht mit einer signifikanten Steigerung de Effizienz der entsprechenden psychotherapeutischen Verfahren zu rechnen.

Ferner sei noch darauf hingewiesen, daß wohl keine geistige Tradition so viel um die Vorgänge, die mit Sterben, Tod und den Vorgängen, die der Bewußtseinsstrom anschließend durchläuft, zu tun haben, wie der Tibetische Buddhismus. Eine Zusammenarbeit mit professionellen, aber auch mit privaten Sterbehelfern - etwa der Hospizbewegung oder dem Personal auf den sog. ,palliativen Stationen' von Krankenhäusern, auf denen ein menschenwürdiges Sterben ermöglicht werden soll - sowie Aufklärung und Weiterbildung des Personals allgemeiner Krankenhäuser und Altersheime könnte vielen Sterbenden ihren Schritt aus dem Leben heraus ebnen und erleichtern. Um nur ein Beispiel zu geben: Es ist von äußerster Wichtigkeit, den Körper von gerade Verstorbenen keinesfalls vor Ablauf von 3 ½ Tagen zur Sektion freizugeben, zu verbrennen, zu beerdigen oder für Organverpflanzungen ,auszuschlachten', weil das Bewußtsein und der Körper sich im Idealfall erst nach Ablauf dieser Frist endgültig voneinander trennen. Vorher erfolgende Gewalteinwirkung welcher Art auch immer würde das Bewußtsein des scheinbar vollends Toten, das während dieser Frist von 3 ½ Tagen in einer Art Koma erstarrt ist, noch einmal wecken und die verschiedensten Manipulationen am leblosen Körper bewußt empfinden lassen! Daran sollte jeder denken, der erwägt, seinen Körper nach Beendigung seines Lebens zur Organverpflanzung zur Verfügung zu stellen.

Jeder interessierte Laie, der sich damit beschäftigt, was der Buddhismus tatsächlich ist und sich nicht mit fragwürdigen Informationen aus zweiter Hand, mit Sekundärliteratur weltanschaulicher Couleur, mit religiös-frömmelnden Pamphleten oder siebzig Jahre alten Übersetzungen aus dem Pali-Kanon [d.i. Alt-Ceylonesisch] begnügt, die - von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen - zunächst in eine christianisierende Begrifflichkeit übertragen worden sind, die ihren Inhalt weitestgehend verzerrte, um dann ins Englische und von da ins Deutsche übersetzt zu werden, wodurch sie ihrer Bedeutung schließlich vollends beraubt worden sind, wird durch das konsequente Studium der Lehre, die ausschließlich die Erklärung dessen, wie die Dinge wirklich sind, zum Gegenstand hat, eine unendliche Bereicherung seines Lebens erfahren.

Und noch ein provokanter Satz zum Schluß, der ein Schlaglicht auf die Auseinandersetzung eines jeden von uns mit seinem eigenen Leben, mit seinem Werdegang, mit seiner Gesundheit und Krankheit, mit Zufriedenheit und innerem wie äußerem Leid werfen soll. Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern von einem unendlich weiseren und erfahrenerem Wesen, und er ist zweitausendfünfhundert Jahre alt. Er lautet: "Jedes Individuum ist letztlich für sein eigenes Schicksal verantwortlich." Ich denke: Weil dies so ist, deshalb kann jedes Wesen mit seinem eigenen Geist arbeiten und so seine Schwierigkeiten und Leiden zunehmend in den Griff bekommen und sie schließlich ganz überwinden.

Ich hoffe, ich konnte Sie neugierig machen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

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