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Ich bin von Beruf Diplom-Psychologe. In diesem Berufsfeld war ich
bislang in unterschiedlicher Weise therapeutisch tätig. Wer immer
sich mit dem Innersten des Menschen auseinandersetzt - gleichgültig
ob man dieses Innerste die Seele, die Psyche, das Wesen, den Persönlichkeitskern,
die Eigennatur des Menschen oder sein Bewußtsein nennt - kann sich
selbstredend nicht der Frage verschließen, worum es sich beim dem
Menschen Eigentümlichen eigentlich handelt. Was ist es denn nun eigentlich,
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was durch unsere Augen sieht,
-
durch unsere Ohren hört,
-
das Dauergewitter der über uns hereinprasselnden Emotionen erfährt,
-
ständig - gewollt oder ungewollt - irgendetwas denken muß,
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sowie pausenlos willkürliche wie unwillkürliche Entscheidung
trifft, via die beteiligten Areale des Gehirns seinen Gliedmaßen
zu befehlen, bestimmte Bewegungen auszuführen,
-
oder zu dem Schluß gelangt, daß man sich mit bestimmten Situationen
arrangieren kann, während andere erst gar nicht ernsthaft in Betracht
gezogen werden?
Lassen Sie mich zunächst die wichtigsten psychologischen Erklärungen
zur ,Persönlichkeit' des Menschen kurz auflisten, um diesen sodann
die buddhistische Auffassung schon deshalb etwas ausführlicher gegenüberzustellen,
weil sie im Westen kaum bekannt sein dürfte.
Bei
allen Fragen, die das sog. ,Menschenbild' - wie der entsprechende
Fachterminus für den hier skizzierten Persönlichkeitskern des Menschen
in der Pschologie lautet - betreffen, gibt es in der psychologischen
Wissenschaft, deren Auftrag doch die Erforschung des Erlebens und
Verhaltens des Menschen ist, unterschiedliche Behauptungen darüber,
was das dem Menschen Eigentümliche sei: Ausgehend von den bahnbrechenden
Erkenntnissen Darwins, Mendels u.a. [beispielsweise Sir Galton,
der objektive Meßmethoden einführte und dem zufolge jedes neugeborene
Kind zunächst einer ,Tabula rasa' gleiche] entstand
im letzten Jahrhundert die vor allem der Biologie entlehnte
Auffassung, nach der den Menschen hauptsächlich sein Denk- und Sprachvermögen
sowie die Fähigkeit auszeichne, selbstbestimmt zu planen und zu handeln.
Diese Sichtweise prägte vordringlich die in den Materie-orientierten
Naturwissenschaften weitgehend [und mehr oder weniger stillschweigend]
geteilte Ansicht, aus der Tätigkeit des Gehirns leiteten sich alle
psychischen Vorgänge ab. Da die Evolutionstheorie den Glauben an die
göttliche Schöpfung ersetzt hatte, schienen damit - zumindestens was
die Wissenschaften betraf - sämtliche Vorstellungen von einer menschlichen
Seele hinfällig geworden zu sein. Von der Überzeugung geleitet, das
im Laufe der individuellen Entwicklung ausgeformte Verhaltensrepertoire
komme dadurch zustande, daß die im Tierexperiment evaluierten sog.
,unbedingten Reize' [beispielsweise Speichelfluß] immer mehr
durch sog. ,bedingte Reize' [Glockenton, Licht etc.]
ersetzt, solche bedingten Reaktionen miteinander kombiniert und neue
Verhaltensweisen durch selektive Bekräftigung ausgeformt werden, formulierten
die ,Behaviouristen' in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts die
These, daß man in das Innere des Menschen ebensowenig hineinsehen
könne wie in das Innere einer ,Black Box'. Sie verzichteten vollkommen
darauf, Aussagen darüber zu treffen, was die Psyche des Menschen ausmacht,
weil ein solches Vorgehen ihrer grundsätzlichen Forderung nach ,objektiven'
Meßdaten nicht gerecht würde [Watson, Pawlow u.a. leiteten
ihre wissenschaftlichen Hypothesen in erster Linie aus der Untersuchung
von Reflexen ab].
Dementsprechend
wird das gesamte menschliche Verhalten einschließlich sämtlicher Handlungen
von höherem Komplexitätsgrad als Sequenz einfacher Reiz-Reaktions-Verknüpfungen
beschrieben. Im Behaviourismus wird also untersucht, inwieweit menschliches
Verhalten auf den sog. Gewohnheitstendenzen [engl: habits]
beruht. Was vor allem Lern- und Gedächtnistheoretiker in den Sechziger
Jahren erforschten [Hall & Lindzey 1970, Bowers 1973],
ist zugleich zentrales Theorem der buddhistischen Auffassung. Schwäche
dieser Theorie ist eine Übervereinfachung, die hochkomplexe Vorgänge
wie etwa Entwicklungsvorgänge im Kindes- und Jugendalter, Interaktionen
zwischen vertrauten Menschen oder gar philosophische Auseinandersetzungen
auf der Grundlage physiologischer Modelle erklären möchte, die hauptsächlich
aus Experimenten mit Ratten und Hunden abgeleitet worden sind.
Die zeitgenössische Persönlichkeitspsychologie geht von auf verschiedene
Weisen ermittelten faktorenanalytischen Modellen der Persönlichkeit
[d.s. recht aufwendige statistische Verfahren] aus, die alle
Persönlichkeitszüge bzw. menschliche Eigenschaften erfassen sollen,
die vermeintlich vorrangig für das menschliche Erleben und Verhalten
verantwortlich seien. Diese sog. ,Traits' [d.s. relativ breite
und zeitlich stabile Dispositionen zu bestimmten Verhaltensweisen,
die in den entsprechenden Situationen konsistent auftreten]
sind von allgemeinerer Art als die zuvor dargestellten ,Habits', weil
es sich bei ihnen nicht um fest konditionierte Responses, sondern
eben lediglich um Handlungsbereitschaften [also Dispositionen]
handelt; diese entziehen sich leider jeder direkten Beobachtbarkeit,
sondern stellen gedanklich miteinander verbundene Sachverhalte und
konstruierte Zusammenhänge [die sog. ,Konstrukte'] dar.
Dieses Konzept weist eine hauptsächliche Schwäche auf: Verfechter
faktorenanalytischer Konstruktionen tun sich schwer damit, einen verbindlichen
,Pool' [valide und reliabel] aussagekräftiger ,Traits' zu erstellen,
nach dem sich das Verhalten unterschiedlicher Individuen sinnvoll
einordnen und bewerten ließe.
Beide genannten Theoriegerüste haben meiner Meinung nach aus dem
Grund, weil ihre Methode hauptsächlich das Experiment darstellt, mit
der Schwierigkeit zu kämpfen, daß sich ihre Aussagen auf den Durchschnitt
aller erfaßten Fälle beziehen, jedoch nur äußerst begrenzt dazu in
der Lage sind, individuelle Abweichungen von ihrem Modell - und das
ist nun einmal die Bewertung des Einzelfalles, also die Erklärung
der Individualität, Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit des Individuums
- zu erklären.
Das
allgemeine Menschenbild der Psychoanalyse versteht den
Menschen als von Triebimpulsen gesteuert, die aus seiner Libido [das
Ausleben von Lust führe zu einer Verringerung der als unangenehm erlebten
Triebspannung] und seinem Aggressionstrieb gespeist werden und
durch die unterschiedlichen Instanzen der Persönlichkeit [das irrationale
Es, das ausschließlich nach dem Lustprinzip funktioniert,
das Ich, das durch die Wahrnehmung, durch
Denken und Erinnern immer tiefere Schichten des Es unterwirft,
und das Über-Ich, in dem sich das Gewissen, aber
auch das Ich-Ideal manifestiert] und die Anforderungen der sozialen
Umwelt in sozial erwünschtes und kulturell bedeutsames Verhalten umgewandelt
werden [Sublimierung], ohne daß dem Träger des Verhaltens die
diesem zugrundeliegenden Impulse und Mechanismen bewußt würden.
Freud hat hier eine deutliche Gegenposition zur Auffassung vom Menschen
als vernunftgeleitetem Wesen eingenommen. Das bedeutendste Verdienst
des psychoanalytischen Persönlichkeitsmodells für die Psychotherapie
liegt nach buddhistischer Sicht in der Formulierung des Unbewußten,
in dem alle psychischen Inhalte wie etwa Wünsche, Vorstellungen und
Gefühle, aber auch Erinnerungsspuren an längst vergangene Erlebnisse
latent lagern. Im Unbewußten sollen auch alle ,verdrängten' Impulse
abelegt sein. Obwohl sich die dynamischen Konzeptionen der Psychoanalytiker
zum Leidwesen ihrer Kritiker jeder wissenschaftlichen Überprüfung
entziehen, konnten sie sich als anerkannte Pychotherapieform weitgehend
etablieren.
Diese Ansätze zur Erklärung der menschlichen Persönlichkeit machen
im Wesentlichen das Instrumentarium aus, auf das psychothearpeutisch
Tätige zurückgreifen können, wenn sie ihre eigenen Verhaltensweisen
sowie das Verhalten ihrer Klienten verstehen und einordnen wollen.
So ist letztlich jeder Therapeut dazu aufgerufen, aus den zur Verfügung
stehenden Theorien und aus seiner persönlichen Weltsicht und Lebenserfahrung
ein Menschenbild zu konstruieren, das ihm die Einordnung gesunden
und abweichenden Verhaltens und Erlebens [Psychodiagnostik]
gestattet. Ich selbst hatte es jahrelang so gemacht wie meine Kollegen,
indem ich den Erlebniskern oder dasjenige, womit man sich selbst identifiziert,
während man bestimmte Erfahrungen durchläuft, einfach ,Psyche' genannt
und alle Ideen, die ich über sie sammelte, in ein humanistisches Weltbild
eingebunden hatte. Ein solches Vorgehen schien mir dem Gegenstand
des ,Menschlichen', der für mich bei aller Wissenschaftlichkeit und
Suche nach Objektivität und Erkenntnis doch immer etwas Besonderes
geblieben war, noch am Ehesten angemessen.
Auf
der Suche nach einem elaborierteren und therapeutisch relevanteren
Menschenbild stieß ich Mitte der achtziger Jahre auf den sog. Tibetischen
Buddhismus. Obwohl jeder Spiritualität oder gar Religiosität gründlich
abgeneigt, geriet ich durch den Umstand, daß die Belehrungen über
die Lehre des Buddha von Individuen weitergegeben werden, die selbst
verkörpern und realisiert haben, worüber sie unterrichten, in dn Bannkreis
dieser Tradition. So habe ich beispielsweise viele Belehrungen über
Liebe und Mitgefühl von hoch verwirklichten Lehrern erhalten, die
in ihrem eigenen Wesen den Wunsch, daß es allen Wesen gut gehen möge,
und daß niemand Leiden erleben solle, in einer Tiefe und Aufrichtigkeit
ausdrückten, daß durch sie selbst mein hartes Herz, das nur für rationale
logische Erklärungen zugänglich war, erweicht wurde.
Ich traf aber auch auf hoch Verwirklichte, die durch dreißig oder
vierzigjähriges Studium in einem äußerst beeindruckendem Maße Wissen
über die Natur der Wirklichkeit angehäuft hatten. ,Belehrungen', wie
mündlichen Kommentierungen zu den authentischen Lehren des Buddha
traditionellerweise genannt werden, die von Meistern präsentiert werden,
die in ihrer Meditation über sich selbst hinausgewachsen sind, sprachen
nicht nur an der Oberfläche meinen Intellekt in einer sehr überzeugenden
Weise direkt an, sondern hatten zudem eine Tiefenwirkung, die sich
mit einem Computervirus vergleichen läßt: Ihre unmittelbare Vernunft
und ihre logische Stimmigkeit - die sich mit nichts vergleichen
läßt,
was in unserer Kultur unter Wahrheit verstanden wird - nisteten sich
in meine nach Erkenntnis hungernden tieferen Denkstrukturen ein und
griffen von dort zunächst unmerklich auf alle anderen Denksysteme
über, bis sich schließlich neue und umfassendere Überzeugungen bildeten,
während mein früheres Verständnis und meine frühere Weltsicht zunehmend
in den Hintergrund trat [ohne daß ich jedoch völlig den Zugriff
auf sie verloren hätte]. Auch wenn der Vergleich mit einem Virus
gefährliche Assoziationen zu wecken vermag, möchte ich betonen, daß
man über einen solchen Prozeß zunehmender Verinnerlichung keineswegs
untauglicher für das Leben und Arbeiten in einer modernen Industriegesellschaft
wird, sondern im Gegenteil erst durch ihn dazu imstande wird, in unserer
immer technischer und überfremdeter werdenden Gesellschaft gesund,
stark und innerlich ganz werden und bleiben zu können.
Ich
studierte nahezu zehn Jahre buddhistische Philosophie und Psychologe,
wie sie vor zweitausendfünfhundert Jahren vom historischen Buddha
gelehrt und seitdem in einer ungebrochenen Übertragungslinie bis heute
weitergegeben worden sind. Meine Sprachstudien absolvierte ich vor
allem am Marpa Institute for Translators in Kathmandu; seit Bestehen
des Karmapa International Buddhist Institute studierte ich dort die
Erkenntnistheorie und die Psychologie, wie sie im Tibetischen Buddhismus
geehrt wird. Buddhistische Studien in der Mahayana-Tradition berufen
sich nicht auf irgendwelche Glaubenssätze, sondern befassen sich ausschließlich
mit der Organisation des Bewußtseins und der Verarbeitung von Erfahrungen.
So spielt ein ausgefeiltes logisches System, dessen Grundstudium bereits
viele Jahre in Anspruch nimmt, eine herausragende Rolle bei dem, was
im ,Buddhismus' [d.i. - wie gesagt - keine Glaubensreligion,
sondern die Lehre, die erklärt, wie die Phänomene
auf der relativen und der absoluten Ebene der Wirklichkeit tatsächlich
sind] ,Geist' bzw. ,Bewußtsein' genannt wird. Eben weil buddhistische
Studien nicht darauf abzielen, der Unmenge von Theorien zu allen möglichen
wissenschaftlichen Thematiken noch weitere zuzugesellen, sondern das
grundsätzliche Verständnis über sämtliche Vorgänge des Lebens [d.s.
alle inneren wie äußeren Prozesse] auf allen Abstraktionsebenen
zu vertiefen, sind sie äußerst anspruchsvoll und zeitaufwendig. Aber
auch gerade deshalb widersprechen sie keinesfalls den Erkenntnissen,
wie sie an der Frontlinie der modernen Wissenschaften - etwa in der
Physik kleinster Teilchen, der Medizin oder der Astronomie - gesammelt
werden.
Was nun die Erläuterung des buddhistischen Verständnisses vom menschlichen
Geist bzw. vom menschlichen Bewußtsein betrifft, so basiert jenes
auf Erfahrungen, die grundsätzlich jeder nachvollziehen kann, der
sich für einige Monate oder Jahre durch eine Reihe von kraftvollen
Meditationen hindurcharbeitet. Das Gehirn wird im naturwissenschaftlichen
Weltbild, wie es heute vor allem durch die Physiologie und die Biotechnologe
vertreten wird, als ,Sitz der Seele' angesehen; in der buddhistischen
Tradition gilt es jedoch keinesfalls als Substrat bzw. Erleber menschlicher
oder tierischer Erfahrungen, sondern macht lediglich den Ort aus,
an dem beispielsweise Schmerz [etwa als besonders intensiver taktiler
Reiz] registriert und dem Erleber präsentiert wird. Das Gehirn
wird also als eine Art Bio-Tuner aufgefaßt. Wie strukturiert und organisiert
die einzelnen Erfahrungen des ,Erlebers' auch immer sein mögen - gleichgültig
ob es sich dabei um physiologische Reize, um kurze Gefühle oder gar
um das Verständnis komplexer Handlungsabfolgen handelt - grundsätzlich
kommt dem Gehirn im Prozeß des Erafssens, Begreifens und Verstehens
situativer Gegebenheiten und bestimmter Handlungsabläufe sowie bezüglich
der Fülle von Entscheidungsprozessen, die regeln, in welcher Weise
das Individuum auf sein soziales Umfeld reagiert, lediglich die Funktion
zu, sämtliche ,Inputs' [Reize, Erfahrungen] umzuwandeln
und dem erlebenden Individuum in einer Weise zu präsentieren, die
sie ihm verständlich und erfahrbar machen. Das Gehirn ist dem buddhistischen
Verständnis zufolge also nicht Sitz der Seele, der Persönlichkeit
oder der einzigartigen Individuation des Menschen, sondern eben lediglich
eine Art ,Bio-Empfänger'.
,Geist'
bzw. ,Bewußtsein' wird der buddhistischen Sicht zufolge also nicht
als Produkt neuronaler Prozesse oder in einer wie auch immer gearteten
Weisen physisch verankert verstanden, sondern als die Fähigkeit -
nicht des Organismus, sondern - eines ,fühlenden Wesens' [wie das
Individuum tradtonellerweise genannt wird] angesehen, wahrzunehmen
und verstehen zu können. Demzufolge möchte ich im folgenden die Instanz
in allen Menschen, die sämtliche Erfahrungen wahrnimmt und erlebt,
in weitestgehender Übereinstimmung mit heutigen Positionen der unterschiedlichsten
Psychotherapien [nicht aber der experimentellen Psychologie,
die den Anspruch zu erfüllen hat, den objektiven Kriterien
der Wissenschaftlichkeit zu genügen, indem sie für reliable
und valide Forschungsergebnisse zu sorgen hat] als den
menschlichen Geist bzw. als Bewußtsein bezeichnen. Bewußtsein bzw.
Geist hat kein physisches Korrelat und ist nicht an einer bestimmten
Stelle des Körpers lokalisiert; Bewußtsein ist nur bedingt an einen
physischen Körper gebunden [im Sterben löst es sich wieder von
ihm und besteht weiter, wenn es auch anschließend dermaßen
grundlegende und tiefgreifende Transformationen durchmacht, daß
es dadurch die Verbindung mit der Persönlichkeit oder dem Ich
der vorigen Existenz wieder weitestgehend verliert]; Bewußtsein
ist von rein geistiger Qualität! Es ist diejenige Komponente des individuellen
Bewußtseinsstroms, die zusätzlich zum Vorhandensein einer konzeptionsbereiten
weiblichen Eizelle und eines intakten männlichen Samenfadens gegeben
sein muß, damit ein neues Leben entstehen kann. Sollten nur die beiden
physischen Bedingungen [Ei und Samenfaden] zusammenkommen,
kann keine Konzeption [also keine ,Empfängnis' des
Lebens!] zustandekommen.
Bewußtsein setzt sich aus mikroskopisch kurzen einzelnen Bewußtseinsmomenten
zusammen, von denen nach den Lehren des Abhidharma dreihundertundsechzig
in eine einzige Sekunde passen. Bewußtsein gelangt nicht aus dem Nichts
heraus grundlos zur Existenz, sondern hat als auslösende primäre Ursache
einen ähnlichen Moment von Bewußtheit zur Voraussetzung. Ohne daß
direkt vorher ein individueller Bewußtseismoment erfahren worden wäre,
ist ein darauffolgender Bewußtseinsmoment auf keinen Fall denkbar!
Diese Feststellung ist von außerordentlich zentraler Bedeutung; sie
besteht alle nur erdenklichen logischen Überprüfungen [sie wurde
im Laufe der Religionsgeschichte immer wieder - wenn auch nie erfolgreich
- von herausragenden Vertretern anderer konkurrierender Religionen
auf dem indischen Subkontinent angegriffen]; aus ihr folgert zwingend,
daß individuelles Bewußtsein weder zu dem Zeitpunkt entstehen kann,
an dem ein ,neues' Lebewesen empfangen wird, seine fötale Entwicklung
durchläuft oder gar geboren wird, noch daß das individuelle Bewußtsein
mit dem Körper zugrundegehen kann, in dem er zu Lebzeiten verankert
war. Bewußtsein ist insofern zeitlos, als es [wie auch der historische
Buddha immer wieder betont hat] seit anfangslosen Zeiten besteht
und bis in endlose Zukunften weiterbestehen wird - wenn auch nicht
als ein uns allen gemeinsamer großer Geist oder höheres Selbst oder
das Göttliche, das uns allen innewohnen würde, wie es beispielsweise
der ,Atman'-Vorstellung der meisten hinduistischen Religionen entspräche,
sondern als unzählige aufeinanderfolgende einzelne Ströme individuellen
Bewußtseins, in denen die karmischen Spuren vergangener Handlungen
unaufhörlich lagern, um irgendwann einmal erneut ,reif' zu werden
und den vormals Handelnden quasi mit einem Negativ seiner früheren
Handlungen zu konfrontieren.
Diese
üblicherweise ,Karma' genannten reif werdenden Umstände bzw. diese
Ursache-Wirkungs-Relation kann der Erleber - also der vormals [auch
im gleichen Leben] Handelnde - nur dadurch außer Kraft setzen,
indem er entweder der Versuchung widersteht, die Vielfalt der Situationen
und situativen Aspekte gemäß der in seinem Unterbewußtsein gespeicherten
Gewohnheitstendenzen zu erfahren und auf sie zu re-agieren,
um dadurch vermeintlichen Schwierigkeiten seiner Lage zu entrinnen,
oder indem er gar eine Umdeutung der ganzen Situation in der Weise
vorzunehmen vermag, daß er versteht, daß alle Wesen - also nicht nur
man selbst, sondern auch die anderen, die einem gerade das Leben schwer
machen - immer Glück erleben und Leid vermeiden wollen. Dadurch begreift
der Betroffene das Entstehen der gerade belastenden Situation als
,Reinigung' und versucht, keine negativen Gefühle wie Neid, Eifersucht
und Zorn aufkommen zu lassen, weil er das Zustandekommen der Situation
in dieser Form einfach nicht akzeptieren will, sondern er mobilisiert
seine ganze Kraft, um seine Gefühlslage immer ausgeglichen [,gleichmütig',
d.h. jeder Situation mit einer gleichbleibenden Ruhe und Ausgeglichenheit
zu begegnen] zu halten und sich stattdessen so klug und effizient
wie möglich zu verhalten. Sollte man bereits von negativen Emotionen
vereinnahmt sein, dann gilt es zu üben, sich nicht mit dem Erleber
dieser störenden Gefühle zu identifizieren, damit sie nach und nach
immer schwächer werden können, bis sie schließlich gar nicht mehr
auftauchen.
Wenn man auf diese Weise eine Sicht kultiviert hat, die auf Altruismus
und Mitgefühl basiert, dann trachtet man in erster Linie danach, sich
zu jeder bietenden Gelegenheit darin zu trainieren, sich selbst und
alle anderen beteiligten Personen sowie alle Erlebnisse, die einem
widerfahren, als so rein wie nur irgend möglich zu erleben. Gleichzeitig
übt man sich darin, die sich einem immer noch aufdrängenden egozentrischen
Verhaltensmuster zunehmend zu vermeiden, da es einem immer seltener
gelingt, um des eigenen momentanen Vorteiles willen Nachteile, Schädigungen
und Leid für andere Wesen in Kauf zu nehmen - denn man versteht in
zunehmendem Maße, daß man dadurch langfristig eigenes Leiden [und
eine weitere Abnahme der persönlichen Einsicht in die relative Natur
der Dinge, weshalb man sich anschließend noch negativer verhält,
ohne die negativen Konsequenzen dieses Verhaltens für andere und
sich selbst noch in irgendeiner Weise zu überschauen] bewirkt.
Im buddhistischen System bemüht man sich also, an die Stelle egozentrischer
Verhaltensweisen, die sich einem immer noch aufdrängen, positives
[d.h. für andere und einen selbst nützliches] Verhalten an
den Tag zu legen, wodurch man entsprechende positive Gewohnheitstendenzen
im eigenen Bewußtseinsstrom verankert; dadurch biegt man die Spirale
seiner neurotischen, ichbezogenen Sicht der Dinge - die nur noch kurzsichtigere,
andere noch mehr schädigende Handlungen provozieren würde - langsam
von sich selbst weg. So und nicht anders wird man im Lauf der Jahre
seiner eigenen Neurosen Herr!
Bewußtsein untergliedert sich in verschiedene Instanzen. Da gibt
es zunächst die fünf Sinnesbewußtseine, die alternierend die kürzeste
Sekundenbruchteile in Anspruch nehmenden Wahrnehmungen mittels der
fünf Sinne - ob diese nun vom weitaus trägeren Verstand bemerkt und
willkürlich weiterverarbeitet werden oder nicht; darüberhinaus gibt
es die gefühlshaften Sedimente vergangener Erfahrungen, die den Erlebnis-
und Handlungsspielraum festlegen und einengen; und schließlich gibt
es eine Instanz, die man noch am Ehesten mit dem Begriff des Unterbewußtseins
freudianischer Prägung vergleichen kann. Der entsprechende Begriff
lautet im Sanskrit ,Alaya', was man heute meist als ,Basisbewußtsein'
übersetzt. Gemeint ist damit folgendes: Ein jeder Eindruck, der dadurch
hervorgerufen wird, daß das Individuum sich Moment für Moment veränderten
Bedingungen aisgesetzt sieht, hat eine äußere situative Komponente,
die das Individuum durch die fünf Sinne so realitätsnah und effektiv
wie möglich zu erfassen versucht [was ihm aufgrund der Vielzahl
sich verändernder Parameter und der Geschwindigkeit, in der
diese Veränderungen sich vollziehen, jedoch nur sehr rudimentär
gelingen kann], sowie eine innere Komponente, womit die gedankliche
Deutung und anschließende Bewertung der erfaßten Parameter der sich
momentan aus spezifischen Veränderungen hervorgehenden Situation gemeint
sind.
Ein
äußerer Reiz, der eine Veränderung in der Außenwelt widerspiegelt,
wird also mittels der fünf Sinne ,abgetastet', während nach jedem
dieser winzigen Wahrnehmungssegmente eine unwillkürliche und zumeist
unbewußte gedankliche und gefühlsmäßige Auffassung und Einordnung
geschieht. Diese Einordnungen werden in jedem Fall durch einen Vergleich
mit allen vorangegangenen Erfahrungen zur gleichen Thematik getroffen,
weil der Geist so arbeitet, daß er allem Geschehen eine Bedeutung
verleiht, indem er die unterscheidenden Merkmale zu bereits gemachten
Erfahrungen ermittelt. Deshalb werden bedauerlicherweise mit zunehmendem
Alter selbst ziemlich komplexe Situationen nicht mehr als frisch und
neu wahrgenommen, weil sie - wenn auch meist unbewußt - mit immer
mehr bereits durchlebten Erfahrungen verglichen werden, wodurch die
Frische des eigentlichen Erlebnisses immer mehr verblaßt. Anschließend
jedenfalls provozieren alle auf diese Weise gemachten und erfaßten
Erfahrungen in dem Augenblick, in dem sie in den Fokus der Aufmerkamkeit
rücken [also bewußt werden], eine Reaktion; das Individuum
antwortet auf Veränderungen in seiner Umwelt, indem es unausgesetzt
danach trachtet, auf diese in einer Weise Einfluß zu nehmen, die ihm
persönlich [also vor dem Hintergrund all seiner bisher gemachten
Erfahrungen] als die erfolgversprechendste, nützlichste und vorteilhafteste
erscheint. Einem Individuum, dessen Einsicht in die Natur der Dinge
nur sehr oberflächlich ist, wird nicht davor zurückschrecken, einen
Vorteil für sich herauszuschlagen, indem es andere Wesen schädigt
oder zumindestens ihre Schädigung in Kauf nimmt.
Nachdem es also in dieser Weise gehandelt hat, ,fallen' diese Reaktionen
wieder in sein Unterbewußtsein - genauer: das Basisbewußtsein - zurück,
wo sie quasi als Negativabdruck seiner Handlung so lange lagern, bis
erneut alle erforderlichen Ursachen und sekundären Bedingungen zusammenkommen,
die automatisch ihre erneute Aktivierung bewirken [gleichgültig
ob die Verweildauer im Baisbewußtsein nur wenige Tage oder Stunden
- ,Kleine Sünden straft der Liebe Gott sofort' - oder viele
Lebenszeiten beträgt]. Wenn sich dieser Negativabdruck erneut
ins Bewußtsein spült, wird man allerdings nun zum Opfer genau derjenigen
Handlungen, die man während endloser Lebenszeiten zuvor anderen Wesen
gegenüber ausgeübt hat - seien diese nun positiv [d.h. dem eigenen
geistigen Wachstum sowie dem Wohl anderer Wesen förderlich] oder
negativ, indem sie auf Kosten von Schaden, Verletzungen und Leid anderer
Wesen kurzfristig einen eigenen Vorteil bewirken. Aus dem Basisbewußtsein
heraus gelangen also - je nach zugrundegelegter philosophischer Tradition
- zumindestens die subjektiven Parameter, die bestimmen, wie das Individuum
die Veränderungen seiner Umwelt wahrnimmt und bewertet, sowie die
sog. ,Gewohnheitstendenzen' bzw. Handlungsdispositionen, die sich
ihm ins Bewußtsein drängen, ihm deshalb auch natürlich erscheinen
und ihm so nahelegen, wie auf diese veränderten Umstände zu reagieren
sei; bestimmte philosophische Traditionen wie beispielsweise der Cittamatra
behaupten schließlich auch, daß selbst die anscheinend äußeren Objekte
und Gegebenheiten ,nur Geist' (skrt: Cittamatra) seien.
Bewußtsein bzw. Bewußtheit ist in seiner letztendlichen Natur ,Leerheit'
- d.h. der Geist bzw. die grundsätzliche Fähigkeit von Wesen, erleben
und verstehen zu können, weist keine eigenständige, aus sich selbst
heraus zum Entstehen gelangte Existenz auf. Zwar existieren die individuellen
Bewußtseinsströme seit anfangslosen Lebenszeiten [und in jedem
Wesen ticken demgemäß unendlich viele ,Zeitbomben' negativer
karmischer Taten aus unendlichen Lebenszeiten], auch wenn sie
von Leben zu Leben solch grundlegende und tiefgreifende Transformationen
durchmachen, daß es nicht gerechtfertigt ist, von der darauffolgenden
Verkörperung vom selben Wesen in einem anderen Körper zu sprechen,
wie in der heutigen Trivial-Esoterik, die Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten
spirituellen Traditionen sehr oberflächlich und fahrlässig miteinander
vermischt; richtig ist vielmehr: Im Unterbewußtsein lagern sämtliche
Handlungen aus anfangslosen Lebenszeiten in einer ungeordneten [d.h.
nicht miteinander vermischten] Weise.
Von
Moment zu Moment werden Eindrücke aus den unterschiedlichsten Lebenszeiten
deshalb reif, weil sie durch die zum gleichen Zeitpunkt manifest gewordenen
primären Ursachen und sekundären Bedingungen geweckt bzw. hervorgerufen
werden. Eine Psychotherapie, die nicht in erster Linie auf die Heilung
krankhaften bzw. psychotischen seelischen Geschehens, sondern auf
eine Klärung und Reinigung der Eindrücke aus dem Unterbewußtsein abzielt,
wird demzufolge in der gegenwärtigen wie in allen zukünftigen Existenzen
zwingend eine Verringerung der Kraft und Häufigkeit neurotischer Bewußtseinszustände
und Lebensumstände zur Folge haben. Wendet man also die überaus starken
Methoden an, die vereinfachend unter der Sammelbezeichnung ,Reflektion
und Meditation' zusammengefaßt werden könnten, dann wird man dadurch
zunächst zufriedener und gefaßter, später sogar froh und durch das
eigene Leben erfüllt, ohne daß es dazu bestimmter förderlicher äußerer
Bedingungen wie beispielsweise Konsum oder situativer Abwechslung
[die, wenn sie unprovoziert eintreten, durchaus willkommen
sind] bedürfte, und schließlich - wenn man lange Zeit hindurch
tiefe Erfahrungen mit dem eigenen durch Reflektion weitreichender
philosophischer Inhalte gereiften Intellekt sowie dem eigenen in Meditation
befindlichen Bewußtsein bzw. Geist gesammelt hat - sogar glücklich
und weise.
Doch schon nachdem man sich nur kurze Zeit ernstlich mit der Reflektion
buddhistischer Inhalte sowie dem Meditieren buddhistischer Methoden
befaßt hat, finden grundlegende Veränderungen des eigenen Geistes
statt; diese Veränderungen sind weder frömmelnde Einbildungen noch
irgendwie ungesunde Schnitte oder Brüche in der eigenen psychischen
Entwicklung, indem beispielsweise im persönlichen kognitiven System
bestimmte Überzeugungen, Erkenntnisse und Vorstellungen durch ihnen
diametral entgegengesetzte Ideen und geistige Inhalte ausgetauscht
und ersetzt würden, was einen Prozeß der Leugnung oder der Verdrängung
psychischer Eindrücke beinhalten würde; stattdessen wird dadurch eine
Vertiefung der bereits gemachten Erfahrungen und Erkenntnisse bewirkt,
in deren Verlauf man alle bisherigen psychischen Entwicklungen, all
seine Wünsche und seine ganze Persönlichkeit miteinbezieht. Dies ist
so, weil man sich auf einen Weg in sich selbst hinein begeben hat,
der auf nichts anderem als dem eigenen Verständnis, auf Erkennen und
Begreifen fußt. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben,
daß der historische Buddha seine Schüler wiederholt und ausdrücklich
zum Zweifel und zur kritischen Überprüfung seiner Lehren und niemals
zum blinden Glauben und zur unreflektierten Gefolgschaft aufgefordert
hat.
Da die Meditationen lediglich die Methode [man könnte vielleicht
sagen: die äußere Form] darstellen, sind die Ergebnisse
der eigenen Meditationen auch nicht vorgezeichnet, sondern individuell
unterschiedlich! Jeder setzt seine eigenen innerlichen Schwerpunkte,
jeder entwickelt sich zu seinen eigenen Zielen und Überzeugungen hin,
und jeder ist dazu aufgerufen, sich insbesondere auf dem inneren Weg,
der einen jeden Moment mit seinen persönlichen Erkenntnissen und Wahrheiten
konfrontiert und so zwingt, diese erneut zu überdenken und gegebenenfalls
neu anzupassen, treu zu bleiben. Erst recht gilt dies für die eigentlichen
Meditationen, in denen der Praktizierende in den averbalen Raum vorstößt,
indem er entdeckt und zunehmend realisiert, daß Erkenntnisse tatsächlich
nicht nur nicht an Worte und Begriffe gebunden sind [sich also
irgendwie innerlich oder äusserlich formulieren ließen], sondern
überhaupt nur dann und solange möglich sind, als jeder Verbalisierungsprozeß
zur Ruhe gekommen ist.
Bei
allen individuell unterschiedlichen Persönlichkeiten jedoch geht mit
all diesen weitgreifenden Veränderungen eine Zunahme an Mitgefühl
für andere Wesen, an Furchtlosigkeit und das Erlangen eines sich immer
weiter vertiefenden Wissens um die Natur der Phänomene [zumeist
,Weisheit' genannt] einher. Dennoch ist Bewußtsein an
sich wie Klares Licht - es ist ohne Eigensubstanz, es kann alles durchdringen
und erfassen, und es hat die Fähigkeit zu verstehen. Gleichzeitig
kann aus ihm heraus alles entstehen. Erfahren kann dies jedoch nur
derjenige, der die Methoden der buddhistischen Meditation in einer
außerordentlich konsequenten Weise über einen langen Zeitraum hin
anwendet - der also für eine gewisse Zeit Erkenntnis und persönliches
Wachstum zu seiner Lebensaufgabe macht. Glücklicherweise gibt es im
Tibetischen Buddhismus immer noch - wenn auch nur einige wenige dieser
- äußerst gelehrten und hochverwirklichten Meister, deren Beispiel,
ja deren bloße Anwesenheit jedermann zutiefst bewegt und einen so
ermutigt, sich auf einen Weg zu begeben, der dermaßen grundlegende
Veränderungen und Erweiterungen der eigenen Persönlichkeit mit sich
bringt.
Ein weiterer fundamentaler Grundsatz buddhistischer Philosophie beschreibt
das Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Demzufolge setzen
sich sämtliche materiellen Objekte aus kleinsten Partikeln [den
Atomen und deren Bestandteilen] zusammen, während sich nicht-materielle
zusammengesetzte Phänomene wie beispielsweise das wahrnehmende Bewußtsein
aus einer Kontinuität ihres zeitlichen Ablaufes zusammensetzen. Ob
äußerliche oder innerliche Phänomene, sämtlich entstehen sie in Abhängigkeit
von für sie ganz spezifischen Ursachen und Bedingungen, und selbst
ihr Vergehen und anschließendes Beendetsein hängt vom Erschöpft-Sein
der Ursachen und Bedingungen, die für ihre Entstehung sorgten, ab.
Aus diesem Grund besitzen weder innere noch äußere Phänomene - welche
immer dies auch seien - eine ihnen innewohnende Eigenexistenz, d.h.
gelangen nicht aus sich selbst heraus zur Existenz und existieren
deshalb nicht in einem absoluten Sinne, sondern sie existieren lediglich
auf der Ebene der relativen Wirklichkeit, also lediglich für eine
gewisse Zeit und eben in Abhängigkeit von ihren jeweiligen spezifischen
Ursachen und Bedingungen. Zwar neigen wir zumindestens bezüglich unserer
selbst dazu, uns als ,Erleber' der verschiedensten Situationen in
einer naiven Weise als zeitlos, dauerhaft, unvergänglich und ewig
anzusehen; ja die meisten gebildeten Personen der westlichen Welt
würden gegenwärtig keine Trennung zwischen der relativen und der absoluten
Ebene der Wirklichkeit vornehmen, sondern selbst die äußerlichen Phänomene,
die sie mit ihren Sinnen wahrnehmen, als ,tatsäch-lich' vorhanden
[also als zeitlos und dauerhaft] ansehen, auch wenn bereits
die oberflächliche Überlegung offenbaren würde, daß sie sämtlich zum
Gegenstand von Veränderung, Auflösung und Vergehen werden müssen [ja
daß sie Millisekunde für Millisekunde der Desintegration anheimfallen].
In der buddhistischen Sichtweise finden alle Phänomene und Ereignisse,
die nur für eine gewisse Zeit lang Bestand haben, auf der relativen
Ebene der Wirklichkeit statt - wohl können sich viele verschiedene
Individuen darauf verständigen, daß sie gerade mehr oder weniger dasselbe
erleben, wenn sie sich mit bestimmten Phänomenen konfrontiert sehen;
dennoch kann die Wahrnehmung und Erfahrung dieser Ereignisse und Phänomene
nicht objektiv erfahren werden und muß insofern trügerisch und illusionär
sein. Individuen, die sich beispielsweise mit der Bedeutung des vorliegenden
Artikels befassen, zeichnen ja nicht die tatsächliche, objektive Bedeutung
seiner Worte und Sätze nach; vielmehr entsteht durch diesen Artikel
im Verständnis verschiedener Leser eine Unzahl bedeutungsmäßiger Anklänge,
die mindestens ebensoviel mit deren persönlicher erlebnismäßiger wie
semantischer Vorerfahrung zu tun haben als mit der Bedeutung der Aussagen,
so wie der Autor sie verstanden wissen will.
In
diesem Zusammenhang sei mit allem Nachdruck darauf hingewiesen, daß
kein Lebewesen mit irgendeinem anderen Lebewesen in irgendeiner Hinsicht
einen Aspekt objektiver Wirklichkeit teilt; alle Facetten der äußeren
wie der innerlichen Wirklichkeit werden vollkommen individuell bzw.
eigentümlich und unverwechselbar wahrgenommen und erlebt. Unsere Erfahrungen
der vermeintlich für sämtliche Wesen identischen äußeren Welt [beispielsweise
des äußeren Raumes sowie sämtlicher Ereignisse, die jemals
in ihm stattfanden, gerade in ihm stattfinden oder irgendwann
einmal in ihm stattfinden werden; innerhalb dieses Raums hat
niemand jemals denselben Gedanken gedacht, denselben Geruch
gerochen, dasselbe Szenario visuell erfaßt oder dieselben taktilen
Reize gespürt und erst recht nicht dasselbe gehört und auf dieses
Gehörte hin dasselbe Verständnis entwickelt wie irgendein anderes
Wesen], unsere Vernetzung untereinander, die vermeintlich mit
einer verbindlichen Wirklichkeit geschehe, ist gemäß der buddhistischen
Sichtweise sehr viel lockerer, als das im Westen richtungweisende
naturwissenschaftlich orientierte Verständnis nahelegt. Die Ebene
der relativen Wirklichkeit bzw. der Subjektivität erstreckt sich demgemäß
sehr viel weiter, als wir uns das träumen lassen: Nicht nur die individuelle
Wahrnehmung und Bewertung sämtlicher Situationen, die von mehreren
Individuen geteilt werden, ist subjektiv [und damit grund-sätzlich
eigentümlich und vollkommen unvergleichbar], sondern darüberhinaus
sind auch die wahrgenommenen Objekte der scheinbar gemeinsamen Umwelt
- seien dies belebte oder unbelebte Objekte, seien es einzelne Objekte
oder komplexe Situationen und ganze ,Umwelten', die von einzelnen,
mehreren oder vielen Individuen scheinbar gemeinsam und identisch
erlebt werden - nicht objektiv [d.h. unabhängig vom jeweiligen
Beobachter] existent und deshalb subjektiv, da der jeweils erfahrene
Ausschnitt der ,äußerlichen' Wirklichkeit in keiner Hinsicht mit der
Wahrnehmung anderer an der gleichen Situation Beteiligter übereinstimmt
[natürlich können sich mehrere Wahrnehmer darauf verständigen,
daß ein Wahrnehmungsobjekt beispielsweise die Farbe ,Grau'
besitzt; Unstimmigkeiten kommen erst dann auf, wenn
diskutiert wird, welche Helligkeit, Schattierung oder
Anteile anderer Farben dieses ,Grau' charakterisieren.
Darüberhinaus nimmt jeder Wahrnehmer das betrachtete Objekt aus einem
unterschiedlichen Blickwinkel aus wahr, so daß auch das Licht,
das auf dieses Objekt fällt und ihm seine charakteristische Färbung
verleiht, unterschiedlich ist. Selbstredend werden die
Unstimmigkeiten zwischen verschiedenen Wahrnehmern umso gravierender,
je komplexer die zu bewertenden Szenarios bis hin zu ganzen Situationen
sind].
Daraus
schlußfolgert zwingend, daß Individuen keine gemeinsamen Situationen
teilen, selbst wenn sie auf der relativen Ebene der Wirklichkeit gemeinsam
eine Situation durchleben, sondern jedes Individuum treibt ununterbrochen
im Universum seiner eigenen Erfahrungen, die es auf der Grundlage
seiner bisherigen Erfahrungen deutet und interpretiert, umher. Selbst
die lockeren Berührungen und Interaktionen, die dadurch
zustandekommen,
daß mehrere Individuen die gleiche Straße entlanggehen oder am gleichen
Gespräch teilnehmen, bleiben vom Wahrnehmungsaspekt wie vom Objekt-Aspekt
[die charakteristischen Merkmale dieser ,Straße' für
die beteiligten Individuen] dermaßen individuell und unterschiedlich,
daß man mit Fug und Recht behaupten kann, daß auf der relativen Ebene
der Wirklichkeit letztlich die individuellen Gewohnheitstendenzen,
die durch vorangegangene Handlungen zustandegekommen sind, steuern,
welche Welten die individuellen Bewußtseinsströme Moment für Moment
entstehen lassen, weil innen wie außen entsprechende Ursachen und
sekundäre Bedingungen zusammengekommen sind. Noch plakativer formuliert:
Es scheint in einem absoluten Sinne eher so zu sein, als ob sich sogar
die uns umgebende Welt aus unseren jeweiligen individuellen Bewußtseinsströmen
[bzw. den individuellen Unterbewußtseinen] heraus manifestierte,
als daß sie gemäß der uns vertrauten Sichtweise unabhängig vom wahrnehmenden
und erfahrenden Individuum in einem objektiven Sinne für alle Beteiligten
identisch [und dauerhaft] existierte. In diesem Zusammenhang
sei der folgende dem Zen-Buddhismus entlehnte Koan zitiert: ,In einem
Wald weit weg von hier bricht ein morscher Ast von einem Baum und
fällt zu Boden; wenn niemand anwesend ist, um dieses Ereignis wahrzunehmen,
erzeugt dann das Abbrechen des morschen Astes und sein Aufschlag auf
dem Boden ein Geräusch oder nicht?' Wenn man diese Frage nicht voreilig
beantwortet, sondern sie stattdessen einige Zeit lang konsequent prüft,
wird man zu einigen erstaunlichen Erkenntnissen gelangen.
Da im buddhistischen Verständnis von der Wirklichkeit der Phänomene
Geist und Materie - relativ gesehen - zwei vollkommen unterschiedliche
Qualitäten sind, kann auf keinen Fall etwas Materielles wie beispielsweise
ein physischer Körper Geist bzw. Bewußtsein hervorbringen oder erzeugen;
ebensowenig kann Materie eine Manifestation des sie wahrnehmenden
Geistes sein. Vielmehr verhält es sich so, daß Materie und Geist bzw.
physischer Körper und Bewußtsein durch das Gesetz von Ursache und
Wirkung [auch ,Karma-Gesetz' genannt] zusammengeschmolzen
sind: Alles, was für ein bestimmtes Individuum gerade in diesem Moment
[und natürlich auch in allen Momenten davor und danach] Gestalt
annimmt, für eine gewisse Zeit [scheinbar statisch] bestehen
bleibt [solange eben die entsprechenden Ursachen und sekundären
Bedingungen wirksam bleiben] und dann wieder vergeht, geschieht
als ,Folge der vorangegangenen Taten und Handlungen' (skrt: Karma;
tib: las), die jenes Individuum irgendwann zuvor während anfangsloser
Lebenszeiten mit Körper, Rede und Geist [bzw. Motivation] begangen
hat. Gemäß einer buddhistischen Auffassung, die die Abhängigkeit gegenwärtiger
Ereignisse von vorherigen Handlungen untersucht, schleift jedes Individuum
einen endlos weit in die Vergangenheit zurückreichenden ,Rattenschwanz'
einzigartiger ,karmischer' [zeitgemäßer müßte man formulieren:
im Unbewußtsein gespeicherter] psychischer Eindrücke
hinter sich her, die sich als Gewohnheitstendenzen bzw. als entsprechende
Prädispositionen verdichten und auf der relativen Ebene der Wirklichkeit
dafür verantwortlich sind, daß sich Moment für Moment gemäß bestimmter
Ursachen und sekundärer Bedingungen die entsprechenden Stimuli bis
hin zu komplexen Reizmustern [die sog. Situationen] ins Bewußtsein
des betreffenden Individuums spülen.
Diese [belebten wie unbelebten] Wahrnehmungsobjekte, situativen
Parameter und deren Veränderungen in der Zeit [die Ereignisse]
sind teilweise angenehm und wünschenswert, zum größten Teil in einem
Maße , neutral, daß sie nicht einmal die Aufmerksamkeitsschwelle durchbrechen,
und teilweise f unangenehm und physisch oder psychisch schmerzhaft.
Wenn man sich konsequent mit dieser Sichtweise auseinandersetzt, lernt
man mit der Zeit den Einfluß der damit verknüpften hauptsächlichen
Störgefühle der Begierde, Anhaftung, Leidenschaft und Lust, der ,
Gleichgültigkeit, Ignoranz, geistigen Dumpfheit und Trägheit bzw.
der Dummheit und der f Wut, Abneigung, Haß, Zorn, Ekel oder Aggressivität
[die diesen drei Kategorien zugeordneten störenden Gefühle sind
synonym und kennzeichnen keine unterschiedlichen Gefühlsqualitäten]
sowie von Neid und Eifersucht, Geiz und Stolz immer mehr und besser
zu kontrollieren. Damit erschöpfen sich auch die sie begleitenden
Gedankenmuster [die sog. Mentalfaktoren] immer mehr. So verändert
sich mit der Zeit die Wahrnehmung von den äußeren wie von den inneren
Ereignissen immer rasanter, und schließlich spülen sich zunächst mildere,
dann immer positivere und angenehmere Eindrücke in den Fokus des Bewußtseins
des wahrnehmenden Individuums. Parallel dazu vertieft sich sein Verständnis
des Umstandes, daß die Existenz der Phänomene und Ereignisse, die
einem bislang als dermaßen verbindlich und zwingend wirklich erschienen,
so starr, absolut und dauerhaft gar nicht sein kann. Endlich von einer
übermäßig eingeengten und fehlerhaften Sichtweise von der Wirklichkeit
befreit, sieht man sich nun in der Lage, mit den gegebenen Umständen
sehr viel flexibler und einfallsreicher umzugehen, als dies zuvor
gelingen konnte.
Nun sei noch kurz angerissen, in welcher Weise ,die Lehre, die erklärt,
wie die Dinge sind (skrt: Dharma; tib: chos)', die Entstehung der
äußeren Welt aus den aus individuellen Unterbewußtseinen hervorsprudelnden
Eindrücken erklärt. Die materiellen Phänomene einschließlich des menschlichen
Körpers bestehen aus den fünf äußeren Elementen [solide Materie,
flüssige Materie, Hitze (Verdauung, Veränderung),
Luft (Bewegungsenergie) und Raum], während die
inneren bewußtseinsmäßigen Phänomene aus den entsprechenden inneren
Elementen heraus subtil Gestalt annehmen. Im Kalachakra-Tantra beispielsweise
wird das Element des Raums nicht als völlige Leerheit bzw. das Fehlen
jeglicher Charakteristika, sondern als angefüllt mit leeren
Partikeln gekennzeichnet. Diese leeren Partikel dienen als Grundlage
für das Zustandekommen und die Auflösung der anderen vier Elemente.
Aus diesem Raum der leeren Partikel heraus gelangen also die Phänomene
in der Reihenfolge
- Raum - leere Partikel
- sehr feine Luft [Bewegung],
- Hitze,
- Flüssiges
- und schließlich Erstarrtes Festes zur Existenz,
während sich ihre Auflösung in umgekehrter Reihenfolge vollzieht.
In diesem Zusammenhang ist die These vom ,Urknall' einer kritischen
Überprüfung zu unterziehen: Im Gegensatz zur Annahme der modernen
Teilchenphysik vom singulären Urknall, der als Initialzündung alle
Phänomene überhaupt - also die Zeit und sämtliche in der Zeit geschehenden
Prozesse und Manifestationen - geschaffen habe, geht die buddhistische
Sichtweise von der Existenz der äußeren Welt davon aus, daß das Universum
tatsächlich grenzenlos ist und daß sich in ihm permanent neue Räume
schier endloser Ausdehnung [die man als kleine ,Urknalle'
auffassen könnte] bilden, in denen quasi aus dem Nichts heraus
nahezu unendlich schwere Massen und ganze Galaxien und neue Universen
entstehen. Die inneren fünf Elemente werden durch karmische Vorgänge
beeinflußt. Weiterführende Erklärungen zu diesem Themenkreis gehören
zu den geheimen sog. tantrischen Belehrungen und können nur vom hochverwirklichten
Meister auf den Schüler übertragen werden.
Wem
sich bislang der Eindruck aufdrängte, diese Ausführungen entsprächen
doch nicht den tatsächlichen Gegebenheiten, sondern stellten lediglich
eine weitere Möglichkeit dar, sich und die Welt zu begreifen, so kann
ich nur erwidern: Die hier kurz vorgestellte Sichtweise über das Wesen
des Geistes und der äußeren Phänomene stellen nur einen verschwindenden
Bruchteil der überaus konzisen Belehrungen des historischen Buddha
dar, die nicht im Mindesten einem modernen wissenschaftlichen Verständnis
widersprechen - solange ihr Inhalt nicht aus dem Kontext gerissen
oder mit anderen erkenntnistheoretischen Aussagen vermischt wird.
Bezüglich aller hier gemachter Aussagen gilt das Gleiche wie für alle
Belehrungen des historischen Buddha: Alle buddhistischen Lehren lassen
sich lediglich im Laboratorium des eigenen Geistes - und nur da -
d.h. in einem Geisteszustand, der verglichen mit dem gewöhnlichen
Alltagsbewußtsein außerordentlich fein und subtil ist [mittlerweile
allgemeinverbindlich ,Meditation' genannt] überprüfen
und der eigenen Erfahrung zugänglich machen. Innerhalb der buddhistischen
Lehre [die ja nicht der Verehrung des Buddha dient, sondern
die sie Praktizierenden in einen Zustand versetzt, der realisiert,
wie die Dinge wirklich sind] soll ausdrücklich nichts geglaubt
werden, sondern vielmehr sollen alle Belehrungen einer kritischen
Überprüfung unterzogen werden. Der Buddha selbst hat seine Schüler
immer wieder aufgefordert, ihm nichts blind zu glauben, sondern alle
seine Lehren anzuzweifeln und zu überprüfen. Um dies bis in geistige
Räume hinein, die weit jenseits des Intellekts führen [ohne ihm
im Mindesten zu widersprechen oder ihm nicht zugänglich zu sein],
bewerkstelligen zu können, muß man bestimmte Methoden anwenden, die
einem eine solche kritische Überprüfung auch tatsächlich gestatten.
Theoretische Belehrungen und Praxisanweisungen von hochverwirklichten
Gelehrten und Meditationsmeistern, die in der bis zum historischen
Buddha Shakyamuni zurückführenden Überlieferungslinie stehen müssen
erlauben es den traditionellerweise ,Schüler' genannten Praktizierenden,
durch viel Disziplin und jahrzehntelange harte Arbeit zu bestimmten
Einsichten und Erfahrungen - die ihre jeweiligen Lehrer zuvor gemacht
haben - zu gelangen, die das gewöhnliche Alltagsbewußtsein mit all
seinen Beschränkungen ,transzendieren'.
Zum Schluß dieser Ausführungen möchte ich noch einen kurzen Ausblick
geben, wie ich mir eine gegenseitige Befruchtung von Psychologe -
insbesondere Psychotherapie - einerseits und Buddhismus andererseits
vorstelle: Jahrelang war es mein Traum, die im Buddhismus vertretene
Sichtweise von der Struktur der Persönlichkeit des Menschen einer
experimentellen Überprüfung zugänglich zu machen. Dieses buddhistische
Modell beruft sich auf ein komplexes Muster von Persönlichkeitsmerkmalen
[den primären und sekundären störenden Gefühlen sowie den sie begleitenden
gedanklichen Interpretationsmustern], für die sich eine faktorenanalytische
Auswertung regelrecht anbietet. Außerdem liegt der Nutzen für die
psychotherapeutische Arbeit auf der Hand: Anerkannte psychotherapeutische
Verfahren könnten auf dem Fundament eines buddhistischen Verständnisses
vom Zustandekommen und der Ausgestaltung psychischer Störungen zu
Lösungsansätzen ausgearbeitet werden, die nicht kurzfristig, sondern
mittel- und langdristig orientiert sind; da sie der tatsächlichen
Organisation des menschlichen Bewußtseins sehr viel mehr [ja geradezu
in einer idealen Art und Weise] gerecht werden als bisherige Störungsmodelle,
wäre aus buddhistischer Sicht mit einer signifikanten Steigerung de
Effizienz der entsprechenden psychotherapeutischen Verfahren zu rechnen.
Ferner
sei noch darauf hingewiesen, daß wohl keine geistige Tradition so
viel um die Vorgänge, die mit Sterben, Tod und den Vorgängen, die
der Bewußtseinsstrom anschließend durchläuft, zu tun haben, wie der
Tibetische Buddhismus. Eine Zusammenarbeit mit professionellen,
aber auch mit privaten Sterbehelfern - etwa der Hospizbewegung oder
dem Personal auf den sog. ,palliativen Stationen' von Krankenhäusern,
auf denen ein menschenwürdiges Sterben ermöglicht werden soll - sowie
Aufklärung und Weiterbildung des Personals allgemeiner Krankenhäuser
und Altersheime könnte vielen Sterbenden ihren Schritt aus dem Leben
heraus ebnen und erleichtern. Um nur ein Beispiel zu geben: Es ist
von äußerster Wichtigkeit, den Körper von gerade Verstorbenen keinesfalls
vor Ablauf von 3 ½ Tagen zur Sektion freizugeben, zu verbrennen, zu
beerdigen oder für Organverpflanzungen ,auszuschlachten', weil das
Bewußtsein und der Körper sich im Idealfall erst nach Ablauf dieser
Frist endgültig voneinander trennen. Vorher erfolgende Gewalteinwirkung
welcher Art auch immer würde das Bewußtsein des scheinbar vollends
Toten, das während dieser Frist von 3 ½ Tagen in einer Art Koma erstarrt
ist, noch einmal wecken und die verschiedensten Manipulationen am
leblosen Körper bewußt empfinden lassen! Daran sollte jeder denken,
der erwägt, seinen Körper nach Beendigung seines Lebens zur Organverpflanzung
zur Verfügung zu stellen.
Jeder interessierte Laie, der sich damit beschäftigt, was der Buddhismus
tatsächlich ist und sich nicht mit fragwürdigen Informationen aus
zweiter Hand, mit Sekundärliteratur weltanschaulicher Couleur, mit
religiös-frömmelnden Pamphleten oder siebzig Jahre alten Übersetzungen
aus dem Pali-Kanon [d.i. Alt-Ceylonesisch] begnügt, die - von
einigen wenigen Ausnahmen abgesehen - zunächst in eine christianisierende
Begrifflichkeit übertragen worden sind, die ihren Inhalt weitestgehend
verzerrte, um dann ins Englische und von da ins Deutsche übersetzt
zu werden, wodurch sie ihrer Bedeutung schließlich vollends beraubt
worden sind, wird durch das konsequente Studium der Lehre, die ausschließlich
die Erklärung dessen, wie die Dinge wirklich sind, zum Gegenstand
hat, eine unendliche Bereicherung seines Lebens erfahren.
Und noch ein provokanter Satz zum Schluß, der ein Schlaglicht auf
die Auseinandersetzung eines jeden von uns mit seinem eigenen Leben,
mit seinem Werdegang, mit seiner Gesundheit und Krankheit, mit Zufriedenheit
und innerem wie äußerem Leid werfen soll. Dieser Satz stammt nicht
von mir, sondern von einem unendlich weiseren und erfahrenerem Wesen,
und er ist zweitausendfünfhundert Jahre alt. Er lautet: "Jedes Individuum
ist letztlich für sein eigenes Schicksal verantwortlich." Ich
denke: Weil dies so ist, deshalb kann jedes Wesen mit seinem eigenen
Geist arbeiten und so seine Schwierigkeiten und Leiden zunehmend in
den Griff bekommen und sie schließlich ganz überwinden.
Ich hoffe, ich konnte Sie neugierig machen. Vielen Dank für Ihre
Aufmerksamkeit!
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