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Tashi Verlag
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Rezitation des tibetischen Textes
von Nubpa Rinpoche
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Gemäß
der Tradition des Tibetischen Buddhismus ist die individuelle - d.h. die
persönliche, mit einem 'Ich' identifizierte - psychische Existenz
unwiderruflich beendet, wenn der Körper stirbt! Die Vorstellung einer
,individuellen Wiedergeburt', wie sie von manchen obskuren esoterischen
Schulen vertreten wird [das, was wiedergeboren werde, sei die individuelle
Existenz des vorangegangenen Lebens], mag zwar tröstlich sein
- nichtsdestotrotz ist sie vollkommen irreführend, abwegig und falsch!
Es ist vielmehr die unpersönliche Instanz in jedem
Wesen, die auch zu Lebzeiten sämtliche Ereignisse, Gedanken und Gefühle
erfährt - man könnte sie 'Geist' oder die Fähigkeit, bewußt
zu sein, nennen - die nach den Erkenntnissen des Tibetischen Buddhismus
auch im Sterben, im Tod und im Verlauf zukünftiger Existenzen nicht
aufhört zu existieren. Während die individuelle Psyche, die
Seele oder die Persönlichkeit [also eben das, womit Menschen
sich als ihr 'Ich' identifizieren] im Verlauf verschiedener nacheinander
erfolgender Auflösungsprozesse im Sterben und im Tod dermaßen
viele und weitreichende Transformationen erfährt, daß sie im
nächsten Leben mit der Psyche der vorangegangenen Existenz in keinster
Weise mehr identisch ist, bleibt die unpersönliche Instanz des eigenen
Geistes bzw. seine ,Funktion', die 'karmisch' [d.h. in kausaler Abhängigkeit
von den Taten unmittelbarer Vorleben] zwingend an zentrale Ereignisse
sowie an die jene begleitenden Gedanken und Empfindungen gebunden ist,
bestehen: Was wiedergeboren wird, ist dementsprechend lediglich die Disposition,
im bevorstehenden Leben bestimmten Erfahrungen ausgesetzt zu werden und
diese dann in einer bestimmten Weise zu deuten und zu erleben, nicht aber
der individuelle Erlebniskern, der in der kommenden Existenz diese Erfahrungen
machen wird!
Wer unvorbereitet stirbt, kann die weitere Entwicklung nicht
beeinflussen, die sein 'Bewußtseinsprinzip' [in der buddhistischen
Erkenntnistheorie 'Kontinuum' genannt, um damit kenntlich zu machen, daß
der Geist aus einer ununterbrochenen Abfolge einzelner Bewußtseinsmomente
besteht, die nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip miteinander verbunden sind,
so daß der jeweils vorhergehende Bewußtseinsmoment die Ursache
für den jeweils darauffolgenden Bewußtseinsmoment bildet; ohne
Geist bzw. Bewußtsein würde der Körper im Koma liegen]
nehmen wird. Wessen unpersönliches Bewußtseinsprinzip dementsprechend
blind durch das Roulette der Wiederverkörperungen stürzt [auch
wenn das eigene 'Ich' nicht mehr mit dem Individuum identifiziert ist,
das die ursächlichen Handlungen für die Ereignisse begangen
hat, die es in Folge-Existenzen erfahren muß], der kann weder
steuern, wiederum in einer menschliche Existenz - allerdings mit Anlagen
zu einer 'neuen' Persönlichkeit ausgestattet - noch in einer glücklichen
Existenz wiederverkörpert zu werden.
Die Lehren des Tibetischen Buddhismus ermöglichen es, nahestehende Personen auf ihr Sterben und die Zeit danach vorzubereiten. Da natürlich auch die eigene Existenz zeitlich begrenzt ist, gebietet es die Klugheit, sich auf das Sterben vorzubereiten, solange man noch jung und in guter körperlicher wie geistiger Verfassung ist. Die Vorbereitung auf das eigene Sterben ist selbstredend umso effektiver, je früher man damit beginnt! Doch auch denjenigen, die wissen, daß sie nicht mehr lange zu leben haben, verhilft das Studium des vorliegenden Textes dazu, den Rest ihres Lebens so sinnvoll wie möglich zu nutzen und ihr Sterben in einer sehr positiven Weise zu beeinflussen. Darüberhinaus gestatten es die in diesem Buch wiedergegebenen Lehren, vertrauten Menschen beim Vorgang des Sterbens überaus effektiv zu assistieren, auch wenn jene sich nicht auf diesen Vorgang vorbereitet konnten.
Dieser Text, dessen Titel - wörtlich übersetzt - nicht 'Tibetisches
Totenbuch', sondern 'Befreiung durch Hören im Zwischenzustand' lautet,
entstammt einem Zyklus von sechs solchen Texten [beispielsweise Befreiung
durch Sehen, Erinnern usw.], der auf den zweiten Buddha Padmasambhava
(skrt; tib: Guru Rinpoche) zurückgeht. Der große Heilige Padmasambhava
verbarg jene Texte als sog. 'Schatztexte’ (tib: gter.ma) beim Berg
Gampodar in Zentraltibet, wo sie Jahrhunderte später [der Buddhismus
war zwischenzeitlich in Tibet lange Zeit unterdrückt und regelrecht
ausgerottet worden; doch auch nach seiner Wiedereinführung vergingen
noch mehrere Jahrhunderte bis zur erneuten Verbreitung dieser Lehre über
die Befreiung durch Hören im zwischen dem Tod der vorherigen Existenz
und der Geburt in der darauffolgenden Existenz erfolgenden Zwischenzustand]
von Karma Lingpa wiedergefunden wurden, der sie an den dreizehnten Gyalwa
Karmapa Düdül Dorje weitergab, woraufhin sie sich innerhalb
der Nyingma- und Kagyü-Tradition des Tibetischen Buddhismus weithin
verbreiteten.
Obschon die erstmalige Übersetzung des vorliegenden Textes ein eklatantes
Interesse am Buddhismus tibetischer Prägung im Westen auslöste,
sind ihr eine Vielzahl von Unzulänglichkeiten anzulasten: Da bis
dato keine Schriften religiösen bzw. philosophischen Inhalts aus
dem Tibetischen in moderne Sprachen übersetzt worden waren, fehlte
ein Begriffssystem, in das jene hätten übertragen werden können.
Weil außerdem die Wörterbücher, die zwischen Tibetisch
und den modernen Sprachen vermitteln sollten, auf Versionen zurückgingen,
die im siebzehnten Jahrhundert von Jesuitenpatern angefertigt worden waren,
lag es nahe, dieser ersten Übersetzung eine christliche Terminologie
zugrundezulegen; dadurch wurde ihr Inhalt natürlich in einer außerordentlich
fragwürdigen Weise verfremdet. Obwohl dieser ersten Übersetzung
der 'Pioniercharakter' in keiner Weise abzusprechen ist, ist sie heute
- außer als Arbeitsgrundlage für den vergleichenden Religionswissenschaftler
- von keinerlei Wert mehr.
Neuere Übersetzungen des vorliegenden Textes ins Deutsche rekurrieren
leider auf jene erste Übersetzung, so daß deren Fehler und
Unzulänglichkeiten von Version zu Version weitergetragen wurden.
Der Begriff 'Mitgefühl' (tib: snying.rje) beispielsweise, der im
Tibetischen Buddhismus als der aufrichtig empfundene Wunsch definiert
ist, alle Wesen frei von sämtlichen Arten des Leidens sowie von dessen
Ursachen [die negativen bzw. anderen Wesen schädigenden Handlungen]
sehen zu wollen, wird in den verschiedenen deutschsprachigen Übersetzungen
des 'Tibetischen Totenbuches' als 'Erbarmen', als 'Gnade' oder gar als
'Mitleid' übersetzt. Diese Termini transportieren fraglos vollkommen
abwegige und irreführende Konnotationen, vergleicht man ihren Bedeutungsgehalt
und ihre übliche Verwendung in christlichen Schriften mit der hier
präsentierten Begriffsdefinition. Der für den Buddhismus überaus
zentrale Begriff 'Liebe' (tib: byams.pa) wird ebenfalls in den verfügbaren
deutschsprachigen Übersetzungen fernab seiner per Definition festgelegten
Bedeutung übersetzt: Was als 'der aufrichtig empfundene und permanent
kultivierte Wunsch, daß alle Wesen - einschließlich der eigenen
Widersacher, Schädiger usw. - immer Glück und die Ursache des
Glücks erleben sollen' definiert ist, erscheint in den bisher in
deutscher Sprache verfügbaren Übersetzungen als 'Freundlichkeit',
als 'tugendhafte Handlung' oder als 'Frömmigkeit'.
Auch die 'negative Handlung' (tib: sgrib.pa) [als solche Handlung,
mittels derer der Nachteil anderer Wesen bewirkt wird oder mittels derer
man anderen Wesen an Körper, Seele oder Besitztum schadet, definiert],
wird leider in sämtlichen in deutscher Sprache verfügbaren Übersetzungen
- auch wenn die Bedeutung dieses Begriffs weit an obiger Begriffsdefinition
vorbeigeht - als 'Sünde' übersetzt [beim Begriff 'negative
Handlung' steht in einer für den Buddhismus typischen, grundsätzlich
altruistischen Weise das andere, dem Schaden ausgesetzte Individuum im
Vordergrund der Betrachtung, während beim Begriff 'Sünde' das
Hauptaugenmerk auf dem die Sünde begehenden Individuum selbst, das
gegen bestimmte Gebote und Verbote verstößt, liegt]. 'Geistige
Aktivität' bzw. die sog. 'Mentalfaktoren' (tib: sems.dbyungs) [mit
diesem Begriff wird eine Tendenz des menschlichen Bewußtseins beschrieben,
mittels derer das Individuum - auf vergangene Erfahrungen zurückgreifend,
die es wiederum weitgehend selbst durch seine eigene Interpretation und
sein anschließendes Reagieren strukturierte - die Einschätzung
der momentanen Gegebenheiten und situativen Veränderungen vornimmt]
wird in den verfügbaren deutschsprachigen Übersetzungen als
'Gesamtheit des Wollens', als 'Gemütskräfte' oder als 'Geistesregung'
übersetzt. Der Meditationsaspekt bzw. die Yidam-Gottheit [d.i.
die Form einer Meditationsgottheit, die der Meditierende des sog. Vajrayana
visualisiert und auf deren Visualisation er anschließend sein Gewahrsein
ohne jede begriffliche Ablenkung für relativ lange Zeiträume
verweilen läßt] 'Chenrezig' wird in einer der vorliegenden
Übersetzungen als 'barmherziger Gott' übersetzt, womit die vollkommen
unzutreffende Implikation eines Schöpfergottes im Tibetischen Buddhismus
einhergeht.
Durch eine Terminologie, die dem ursprünglichen Text in dermaßen
geringem Umfange gerecht wird, werden die Aussagen des 'Tibetischen
Totenbuches'
natürlich weitestgehend verzerrt. Deshalb ist es dessen frühen
Übersetzungen anzulasten, daß sich auch heute noch im Westen
viele abstruse Vorstellungen über die zentralen Aussagen des Tibetischen
Buddhismus [beispielsweise über den Sinngehalt der Begriffe 'Inkarnation'
oder 'Karma'] hartnäckig am Leben erhalten. Da sich die Liste
der vollkommen an den Aussagen des Urtextes vorbeigehenden sachlich falschen
oder zumindestens weitgehend irreführenden Begriffsübertragungen
beliebig fortsetzen ließe [was bei den zunächst ins Englische
erfolgten Übersetzungen sowohl an der Übersetzung aus dem Tibetischen
ins Englische als auch an der im Anschluß erfolgten Übertragung
ins Deutsche liegen kann], sind die drei 'älteren Übersetzungen'
für den praktizierenden Buddhisten leider nahezu unbrauchbar. Es
liegt an diesen und anderen Unzulänglichkeiten der verschiedenen
Übersetzungen ins Deutsche, daß die verschiedenen deutschen
Übertragungen dieses Schatztextes ihre eigentliche Funktion, Sterbenden
während ihres Sterbens und in den Wochen danach vorgelesen zu werden,
um ihnen so ein optimales Ableben zu ermöglichen, niemals erfüllen
konnte, weshalb ein solches Vorgehen - das in buddhistischen Ländern
selbstverständlich ist - noch niemals in deutscher Sprache praktiziert
werden konnte. Dies ist außerordentlich bedauerlich, bedenkt man,
wieviele Menschen - obwohl sie sich das sehnlichst wünschen - ohne
den Beistand jener Tradition aus dem Leben scheiden müssen, die sicherlich
über das tiefgründigste Wissen über die Vorgänge beim
Sterben und danach sowie zudem über solche Methoden verfügt,
die dazu beitragen, diese Vorgänge bis in außerordentlich subtile
Stufen des Sterbeprozesses hinein zu optimieren.
Leider krankt auch eine jüngst erschienene Neu-Übersetzung
aus dem Amerikanischen zumindestens an ihrer anschließenden Übersetzung
ins Deutsche, bei der bedauerlicherweise ebenfalls die alten Fehler wiederholt
worden sind. Zudem fügt der Übersetzer dem Text leider seine
eigenen Erläuterungen und Ergänzungen an - ein Vorrecht, das
traditionellerweise ausschließlich den zugleich höchsten tibetischen
Gelehrten und verwirklichten Meditationsmeistern vorbehalten ist [im
tibetischen Kulturraum ist Sekundärliteratur über buddhistische
Themen vollkommen unbekannt]. Deshalb kann auch diese Übersetzung
nicht ihrem ursprünglichen Zweck, Menschen auf ihr eigenes Sterben
und die Zeit danach vorzubereiten bzw. - wie der Titel schon sagt - anderen
Sterbenden bzw. Verstorbenen bei diesem Vorgang zu assistieren, indem
man ihnen diesen Text wiederholt wörtlich vorliest, gerecht werden.
Jedes Lesen dieses Textes - ob leise für sich selbst oder laut für
jemand anderen - wird nicht nur das Verständnis für die Vorgänge
beim Sterben und im Tod, sondern generell den Einblick, den man aus der
Sicht des Sterbens in die Mysterien des Lebens gewinnt, außerordentlich
vertiefen.
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